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Zen – was ist überhaupt das für ein Buddhismus: Ohne Tempel, ohne Buddha-Reliquien in goldenen Schreinen, ohne Priester und Gebete, ohne Blumenopfer und bunte Prozessionen, ohne heilige Bücher und ohne das Gemurmel heiliger Mantras ... Nichts ist hier heilig.

Frag die Zen-Meister: "Wer ist der Buddha?" – "Drei Pfund Flachs", antwortet Tung-Shan*. "Der ausgewrungene Putzlappen", sagt Yün-Men*. – Und Buddha, endlich wieder frei und erlöst aus der mild lächelnden Erstarrung vergoldeter Statuen, kann über solch rätselhafte Sprüche herzlich lachen.

Zen, diese Religion der Himmelsstürmer, die keinen Gott kennen und Buddha nicht anbeten, sondern selber Buddha werden, die sich nicht zufriedengeben mit diesem metaphysischen Dunst von Heiligkeit, mit dem andere Religionen ihre ungelösten Fragen verhüllen, sondern um Klarheit ringen, um die Erleuchtung, um die glasklare Einsicht in das wahre Wesen der Dinge – diese Religion hat mich fasziniert, seit ich mit Zen in Berührung kam.

Diese Faszination hat natürlich ihre Vorgeschichte. Denn seit ich denken kann, habe ich Gott gesucht:

Von all den Göttern, mit denen ich in meiner Kindheit im Germanenkult des Dritten Reiches aufwuchs, war mir der treuherzig-polterige Donar der liebste; zudem war ich an einem Donnerstag geboren und schon deshalb ein 'Donarskind'. Der finstere Wotan oder der schlitzohrige Loki waren kaum verlässliche Freunde. Aber Donar ist immer gleich da, sobald man seinen Namen ausspricht, und verleiht einem seinen draufgängerischen Mut und seine Bärenkräfte, und bald trug ich ein grosses Amulett aus Schieferstein um den Hals, in das ich Donars Namen in Runenschrift eingeritzt hatte, und brauchte nun keiner Keilerei mehr aus dem Wege zu gehen. – Aber dann, mit der Pubertät, kamen neue Fragen und Nöte auf mich zu, mit denen ich mich nun doch eher dem 'lieben Gott' anvertrauen wollte, von dem ich in der Schule hörte.

Als ich zwölf war, hab ich gedacht, ich find ihn in der Kirche. Ich wollte unbedingt evangelisch werden. Ich war nicht getauft, meine Eltern nicht mal kirchlich getraut, aber das musste auf mein Drängen hin jetzt alles im Eiltempo nachgeholt werden ... und dann war ich endlich Christ: In Religion hatte ich eine Eins, ich betete herzergreifend, stand sonntags früh vor allen anderen auf und eilte zur Kirche, und im Konfirmandenunterricht lernte ich eifrig – ich kann's heute noch mit allen Strophen: "Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not", aber begegnet ist er mir in der Kirche nicht.

Dann hab ich die Bibel gelesen – ganz, von der doppelten Schöpfung bis zu den Albträumen des Johannes. Haarsträubende Geschichten hab ich gefunden, von einem Gott, der ersäuft die ganze Welt mit Mann und Maus und "vertilgt alles, was auf dem Erdboden war, vom Menschen an bis hin zum Vieh und zum Gewürm und zu den Vögeln unter dem Himmel"*; der radiert ganze Städte aus und lässt "Schwefel und Feuer regnen von dem Herrn vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra"*; der erschlägt eigenhändig in einer einzigen Nacht alle erstgeborenen ägyptischen Kinder, "und es ward ein grosses Geschrei in Ägypten; denn es war kein Haus, darin nicht ein Toter war"*; und seinem Volk befiehlt er, alles auszurotten, zu brandschatzen, zu plündern und zu vergewaltigen, was ihnen in die Quere kommt: "Schone ihrer nicht, sondern töte Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel"*, "sie sollen durchs Schwert fallen und ihre jungen Kinder zerschmettert und ihre schwangeren Weiber zerrissen werden"*, "aber alle Mädchen, die unberührt sind, die lasst für euch leben"*  ... das war nicht gerade der 'liebe Gott', den ich suchte; trotzdem hab ich weitergelesen, aber Gott kam nicht raus zu mir aus der Bibel. Auch nicht aus dem Koran, und nicht aus all den Traktaten anderer Religionen, die ich in die Finger bekam.

Auf Zen kam ich dann in der Jugendbewegung, in der 'autonomen jungenschaft dj.1.11', wo man damals schon den Horizont weltweit geöffnet hatte, Auslandsfahrten machte, Lieder und Instrumente fremder Völker mitbrachte und eben auch Zen entdeckt hatte: Am Lagerfeuer lasen wir aus "Gammler, Zen und hohe Berge"* vor, begeisterten uns für Samurai-Tugenden, übten "Zen in der Kunst des Bogenschiessens"* und lernten Karate, eine damals hierzulande noch absolut unbekannte Zen-Kunst.

Dass auch die Meditation zum Zen gehörte, lernte ich dann aus einem dicken Taschenbuch von Daisetz Teitaro Suzuki über Zen-Buddhismus und christliche Mystik; es war nicht leicht zu verstehen, ich las immer wieder darin, und so wurde das Buch für die nächsten Jahre mein ständiger Begleiter. Ich lernte, dass Meditation überhaupt die wichtigste Methode im Zen-Buddhismus ist, denn das japanische Wort 'Zen' bedeutet nichts anderes als 'Meditation'.

Darum ist der Zen-Buddhismus auch hierzulande für jeden von uns ganz lebensnah und einfach zu praktizieren: Du brauchst keine Tempel oder Priester oder Rituale, lies einfach ein Buch über Zen, dann setze dich hin und meditiere. "Um die Zen-Erleuchtung zu erlangen," sagen die Zen-Meister, "brauchst du nicht deine Familie aufzugeben, deine Arbeit zu verlassen, Vegetarier zu werden, Askese zu üben oder in die Einsamkeit zu fliehen"*, sondern nur "Zen unmittelbar da zu verwirklichen, wo du bist"*.

Daraufhin habe ich in meiner einsamen Studentenbude fast jeden Tag meditiert, oft mehrere Stunden lang. Was Meditation eigentlich ist, musste ich erst lernen – eine Anleitung dazu war damals nirgendwo zu finden, nicht mal in Suzuki's Zen-Buch.

Anfangs glaubte ich, das wäre so etwas wie Yoga. Ich besorgte mir Patanjali's Yoga-Sutra und Bücher über Hatha- und Kundalini-Yoga und lernte, mit Entspannungstechniken und Konzentrationsübungen Körper und Geist zu steuern und zu kontrollieren. Das waren ganz neue Erfahrungen für mich, spannend und in manchen alltäglichen Situationen hilfreich bis heute.

Aber beim Meditieren geht es gar nicht um Beherrschung und Lenkung von Körper und Geist, sondern um Selbstbetrachtung und Selbsterforschung. Unser Wort 'Meditation' stammt aus dem Lateinischen und bedeutet 'Nachdenken, Nachbesinnung': In der Meditation beobachtest du deinen Körper und ergründest deine Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und dein Bewusstsein, um zu ganzheitlicher Harmonie, zu innerem Frieden und am Ende zu deinem wahren Wesen zu finden.

Schliesslich hatte ich meine eigene Methode dafür entwickelt; die Buddhisten, die auch noch andere Meditationstechniken kennen, würden dies wohl als 'Betrachtende Meditation' bezeichnen:
 – Setze dich aufrecht hin im Schneidersitz, lege die Hände im Schoss zusammen, schliesse die Augen und atme ganz normal. Dabei beobachte dein Atmen und denke mit: "Ich atme ein, ich atme aus, atme ein, atme aus, ein, aus, ein, aus ...".
 – Beobachte deinen Körper, und du spürst, wie er sich mit jedem Ausatmen etwas mehr entspannt und leicht und locker wird; auch dein Geist entspannt sich, Ruhe und Frieden kehren ein.
 – Wenn du merkst, dass deine Atmung einem starren Rhythmus folgt, bist du vom reinen Beobachten deiner Atemzüge abgekommen und steuerst sie mit deinem Willen. Das ist falsch: Durchbrich den Rhythmus mit einem langem Atemzug, lass deinen Körper wieder ganz natürlich atmen und beobachte ihn bloss dabei.
 – Bald tauchen Bilder vor deinem geistigen Auge auf, Gedanken kommen, Gefühle drängen sich auf: Unterdrücke sie nicht, mische dich nicht ein, atme ruhig und bewusst weiter, beobachte deine Gedanken und lass sie laufen – wenn sie unwichtig sind, laufen sie bald davon.
 – Wenn die oberflächlichen Erinnerungen an Ereignisse des Tages dich verlassen haben, tauchen grundsätzlichere Fragen auf: Verscheuche sie nicht, klammere dich nicht an sie, sondern beobachte einfach, wie sie sich entwickeln.
 – Unmerklich wird eine dieser Fragen dich in ihren Bann ziehen, du wirst dich in das Problem versenken und sozusagen mit jeder Faser daran arbeiten, nicht nur mit der blanken Vernunft. Darum erwarte nicht, dass dein Verstand am Ende eine ausformulierte Antwort parat hat. Vielleicht werden Einsichten heranreifen, viel wichtiger aber ist, dass in der Meditation alle Komponenten deiner Persönlichkeit aktiv sind: Körper, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Bewusstsein treten in Beziehung zueinander, arbeiten ganzheitlich und auf ihre Weise zusammen, ohne dass dein Wille sie stört, sie stimmen sich aufeinander ab, finden ihre eigene Harmonie und bringen dich jedesmal ein Stückchen weiter auf dem Weg, dein wahres Wesen zu erkennen.

Fragen hatte ich ja genug, denn ich hab immer wieder in Suzukis Buch gelesen, das ich überall mit mir herumtrug. Schliesslich habe ich dann 'Zen' auch als Prüfungsthema in Religionspädagogik angegeben und musste schon deshalb allmählich mal dahinterkommen, was hinter den rätselhaften Textstellen bei Suzuki steckte, die mein Verstand nicht begreifen konnte.

Und da, im Prüfungssemester, hatte ich mein Zen-Erlebnis, das mich so stark wie kein anderes Ereignis in meinem Leben zuvor oder danach erfüllt hat mit Gefühlen des Glücks, der Stärke, Gelassenheit und Güte und das meine Sicht auf diese Welt total verändert hat, sozusagen auf den Kopf – oder besser: vom Kopf auf die Füsse – gestellt hat.

Es war ein ganz persönliches, ganz intimes Erlebnis, und ich habe es fast vierzig Jahre lang als mein Geheimnis gehütet – so lange habe ich mich nicht getraut, daran zu rühren, darüber nachzudenken oder gar darüber zu sprechen. Ich wusste ja, was ich da erlebt hatte, aber ich fürchtete, dass jeder Versuch, es in Gedanken und Worte zu fassen, es doch nicht beschreiben könnte und es unweigerlich weniger gross und wichtig erscheinen lassen müsste, als es war – vielleicht sogar für mich selbst. Und wer würde je verstehen können, was es für mich bedeutete, wenn ich es doch nicht richtig schildern konnte.

Heute, vier Jahrzehnte nach dem grossen Erlebnis, gehe ich dieses Risiko ein. Ich möchte darüber sprechen. Ich möchte wissen, ob da irgendjemand ein ähnliches Erlebnis hatte. Vielleicht bringt mein Bericht ja irgendwo in der Welt verwandte Saiten zum Schwingen – über jede Resonanz würde ich mich sehr freuen.

So einen Bericht habe ich nämlich noch nirgends gefunden. Die buddhistische Literatur ist zwar voll von Erleuchtungsgeschichten, und im Zen-Buddhismus sind die Worte und Handlungen von Zen-Meistern, die vor über tausend Jahren zur Erleuchtung ihrer Schüler geführt haben, bis heute aufs genaueste überliefert*. Aber immer geht es dabei um die Methode, um den Weg zur Erleuchtung – was dann in dem Glücklichen vor sich ging, was er empfand, dachte, sah, tat ... darüber habe ich nur sehr wenige, dürre Andeutungen gefunden.

Deshalb, denke ich, könnte meine Schilderung von allgemeinem Interesse sein. Ich erzähl einfach mal, was da passiert ist:

Mein Zen-Erlebnis

Also, es ist Samstag früh, ich sitz in der Mensa, denn um zehn, in einer halben Stunde, hab ich eine Übung – kein Mensch sonst hält samstags Übungen ab, aber Professorin Dr. Dr. Adolphs ist eine fleissige, schneidige, kluge Frau und so scharfzüngig, dass sie allgemein gefürchtet ist. Kein Student kommt an ihr vorbei, denn sie nimmt im Staatsexamen die Prüfung in Allgemeiner Pädagogik ab. Da muss jeder durch, auch ich. Darum sitz ich hier. Ich hab noch nie eine ihrer Übungen geschwänzt, bin immer überpünktlich und gut vorbereitet, aber ich hab noch nie gewagt, mich bei ihr auch zu Wort zu melden.

Meine Hausaufgaben habe ich gerade nochmal durchgesehen, und jetzt lese ich, zur Entspannung, noch ein bisschen in Suzuki's Buddhismus-Buch. Es ist still in der Mensa, der Verkaufsschalter ist geschlossen, ausser mir sind nur noch drei andere Studenten da, die ein paar Tische weiter sitzen und sich leise unterhalten. Ich kann mich gut konzentrieren. Trotzdem, was Suzuki hier schreibt, das habe ich nicht ganz verstanden, ich les das lieber nochmal ...

 ... da, vor meinen Augen wird es hell, verschwommene Konturen werden schärfer, und ich werde mir bewusst, dass ich durch das Mensafenster hindurch nach oben zur Giebelspitze des Vorlesungsgebäudes hinstarre – wie lange schon, weiss ich nicht. Der Giebel ist ca. 20 Meter entfernt, aber ich sehe jetzt alles ganz scharf und vergrössert wie durch eine Lupe, erkenne jede Erhöhung im Rauputz der Giebelwand hellgrau, jede Vertiefung tiefschwarz. Ich wende meine Augen von der Giebelwand ab und staune: Wohin ich auch blicke, alles sehe ich messerscharf, vergrössert und plastisch. Dieses Scharfsehen dauert noch eine ganze Zeit an.

Jetzt spüre ich, wie sich ein heller werdendes Strahlen warm in meinem Körper ausbreitet, wie mich langsam ein Hochgefühl ergreift, ein Glücksgefühl, das mich schier überflutet. Ich könnte lachen und singen und tanzen, aber ich brauche mich gar nicht zu rühren: Ich sitze auf meinem Stuhl in der Mensa, schau lächelnd ins Nichts und seh und fühle mich lachen und singen und tanzen ...

Die drei Kommilitonen sind aufgestanden und gehen; sie müssen wohl auch zur Adolphs. Ich bleibe noch sitzen, um dieses Wohlgefühl noch etwas auszukosten, aber dann steh ich auch auf, ich bewege mich ganz leicht, und langsam lege ich meine Sachen zusammen. Als ich durch die Mensatür ins Freie trete, bleibe ich unwillkürlich stehen, sehe mit grossen Augen in eine veränderte Welt und sauge sie mit einem tiefen Atemzug ein: Alle Dinge sehen plastischer, praller aus, wölben sich mir entgegen und haben selbst etwas von diesem inneren Strahlen, das mich erfüllt.

Allem, was ich da sehe, fühle ich mich auf eine seltsame Weise verbunden. Langsam geh ich los, lächele den Steinen und Blumen im Vorgarten der Mensa zu, begrüsse das Gras am Wegrand, die parkenden Autos, zwei eilige Kommilitonen und schliesslich den dicken kunstgeschmiedeten schwarzen eisernen Griff der schweren Eingangstür zum Vorlesungsgebäude.

Ohne Eile steige ich die Treppe hinauf. Die Hörsaaltür ist schon zu, die energische Stimme der Adolphs dringt heraus, ich komme zu spät. Aber das macht mir gar nichts. Das Strahlen füllt mich ganz aus, hell und warm, ich bin gross, stark, voller Güte und Freundlichkeit. Ohne Zögern trete ich ein, gehe durch den ganzen Hörsaal und suche mir einen Platz vorn in der dritten Reihe. Meine Gedanken sind auf ungewohnte Weise klar, sie scheinen aus dem Hinterkopf zu kommen und alles zu erfassen. Mehrfach melde ich mich, komme zweimal zu Wort, und am Ende melde ich mich für ein Referat ...

Danach gehe ich langsam, glücklich lächelnd meine neue Sicht der Welt auskostend, durch das kleine Städtchen nach Hause. Die Blumen, Büsche, Bäume am Wege, die Pflastersteine, über die ich gehen, die Menschen, denen ich begegne – alle sind ich und ich bin sie, alles hat den gleichen Pulsschlag, ich bin eingebettet in eine freundliche Welt.

In meiner kahlen Studentenbude sehe ich in meiner Meditations-Ecke das Sitzkissen am Boden, das meine Wirtin schon lange nicht mehr wegräumt, und das grosse goldene Om-Symbol an der Wand, aber ich habe keine Lust auf Yoga und Meditation – seit diesem Tag habe ich nie mehr das Bedürfnis verspürt, stundenlang zu meditieren. Ich kann auch nicht im Hause bleiben – mein Glücksgefühl sprengt den Raum. Ich zieh meinen Karate-Anzug an und gehe in den Garten, zelebriere ein paar Mal die Kata-Übungsfolge und habe meine Freude an dem konzentrierten harmonischen Fluss meiner Bewegungen. Später kippe ich meine Isetta auf die Seite und schrubbe den Motor vom Winterdreck frei ...

Das Hochgefühl dauert an bis in den Nachmittag, dann ist es irgendwann verflogen – ich entsinne mich, dass ich erstaunt stehenblieb, als mir das bewusst wurde, und dass ich ernüchtert und etwas traurig war: Ein grosses, überwältigendes Erlebnis war zu Ende. Nie zuvor hatte ich Ähnliches erlebt, und auch nie mehr danach.

Das Hohlspiegel-Gleichnis

Später las ich dann bei Suzuki etwas über Meister Ekkehard, einen christlichen Mystiker im frühen Mittelalter. Suzuki beschäftigt sich sehr intensiv mit ihm – wohl in der Hoffnung, den abendländischen Leser über die christliche Mystik besser an Zen heranführen zu können. Es gibt tatsächlich viele verblüffende Berührungspunkte. Besonders schön ist das Hohlspiegel-Gleichnis von Meister Ekkehard, das Suzuki ausgiebig zitiert: Meister Ekkehard bezeichnet seine spirituelle Erfahrung als ein 'durch den Hohlspiegel gehen'.

Es ist erstaunlich, wie viele Märchen und abergläubische Bräuche mit Spiegeln verbunden sind, und immer ist der Spiegel dabei das Tor zu einer anderen Welt, zur Welt der Geister, der Wunder, des Unbekannten und Unheimlichen: Alice betritt das Wunderland durch einen Spiegel; das Phantom der Oper steigt aus seiner Höhlenwelt und erscheint Christine im Spiegel ihrer Garderobe; das Spieglein-Spieglein-an-der-Wand verrät der bösen Königin, dass Schneewittchen hinter den sieben Bergen lebt; Spiegel können wahrsagen, in der Johannisnacht zeigen sie dir deinen künftigen Liebsten; wer einen Spiegel zerbricht, hat sieben Jahre Pech, denn die Dämonen können nun in unsere Welt gelangen und heften sich an seine Fersen; im Haus eines Verstorbenen werden alle Spiegel verhängt, damit seine Seele geradewegs gen Himmel strebt und sich nicht in die Geisterwelt hinter dem Spiegel verirrt ...

Ich glaube, dass all diese volkstümlichen Bräuche und Sagen nur die unverstandenen Vulgärversionen des alten mystischen Geheimnisses des Durch-den-Spiegel-Gehens sind, das Meister Ekkehard in seinem Hohlspiegel-Gleichnis enthüllt.

Dabei hat er sicherlich nicht gemeint, dass man dabei das Spiegelglas durchbricht, sondern dass man durch den Brennpunkt geht, denn da passiert's.

Hast du, lieber Leser, einen Hohlspiegel zur Hand, einen Kosmetik- oder Rasierspiegel zum Beispiel, der dein Gesicht vergrössert? Dann hol ihn doch mal und mach am besten gleich mit:

  • Ist der Spiegel einige Meter weit von dir entfernt, siehst du darin dich und die Welt auf dem Kopf stehen: Gleichnishaft mag das bedeuten, dass deine Weltsicht verkehrt ist.

  • Kommst du jetzt allmählich dem Spiegel näher, erkennst du die einzelnen Dinge deutlicher und grösser, aber sie stehen immer noch auf dem Kopf: Deine Bemühungen, die Welt zu erkennen, verleihen dir neue Einsichten und einen schärferen Blick – das mag dich bestätigen, auf dem richtigen Wege zu sein, wenngleich deine Anschauung von der Welt immer noch verkehrt ist.

  • Bewege dich jetzt ganz langsam, millimeterweise, auf den Hohlspiegel zu, und du siehst die Dinge immer schärfer ... Geh noch ein bisschen näher ran, und du siehst sie noch genauer und sogar grösser, als sie in Wirklichkeit sind: Obwohl alles noch kopfsteht und deine Auffassung von der Welt noch verkehrt ist, bist doch ganz nahe an der Lösung.

  • Komm noch ein kleines Bisschen näher – da plötzlich verzerrt das Bild sich und verschwimmt dann total, du selbst und alle Gegenstände um dich herum verlieren ihre Form und wogen als Lichter und Farben durcheinander: Du erlebst, wie alles sich auflöst, ineinander fliesst und Eins wird.

  • Geh langsam weiter auf den Spiegel zu, hindurch durch die wogende Ursuppe, und sieh, wie sie wieder in weiche Formen fliesst, und plötzlich erkennst du dich selbst, nicht mehr auf dem Kopf stehend, sondern wirklichkeitsgetreu und riesig gross. Wenn du jetzt noch näher kommst, siehst du alles grösser und viel klarer und deutlicher als je zuvor: Du bist 'durch den Spiegel gegangen', und nun hast du die richtige Weltsicht ...

Das alles könnte Meister Ekkehard sich fein ausgedacht haben: Ein hübsches Gleichnis, das sich jeder mit seinem Rasierspiegel selber vorführen und dabei die hintergründigen Gedanken des Meisters nachvollziehen kann.

Das Verblüffende aber ist, dass genau so auch mein Erlebnis ablief:

  • Ich sass da in der Mensa und las, zur Entspannung, aber natürlich auch, um mehr über Zen zu lernen: Bezogen auf das Hohlspiegel-Gleichnis war ich noch weit weg und erkannte wohl was, aber meine ganze Weltsicht war verkehrt.

  • Beim Lesen einer bestimmten Textstelle fing ich an, etwas davon zu begreifen, aber der Rest blieb mir rätselhaft. Spontan stoppte ich, um – und das ist das Letzte, woran ich mich vor dem Blackout noch erinnere – denselben Satz nochmal zu lesen. Meine ganze Aufmerksamkeit war auf diesen einen Satz konzentriert: Ich kam, bildlich gesprochen, dem Spiegel langsam näher, um noch klarer zu sehen.

  • Da setzt meine Erinnerung aus ... bis zum Wiederauftauchen aus der Versenkung weiss ich nicht, was da abgelaufen ist, oder auch nur, wie lange das gedauert hat. Es ist reine Spekulation, wenn ich annehme, dass ich wohl diese Textstelle nochmal gelesen habe und dann, um darüber nachzudenken, meinen Blick durchs Mensafenster auf den Giebel gerichtet habe, weil ich das oft so mache: Wenn ich über irgendwas nachdenke, schau ich unwillkürlich aus dem Fenster, lass meinen Blick auf dem höchsten Punkt ruhen und lass meine grauen Zellen arbeiten ... Und so muss ich den Brennpunkt des Spiegels erreicht haben.

  • Wahrscheinlich ist in diesem Augenblick genau das mit meinen Gedanken passiert, was beim Hohlspiegel geschieht, wenn die Bilder plötzlich verschwimmen: Die Gedanken verschwimmen und überfluten die Konturen jener starren, auf Wahrnehmungen unserer beschränkten Sinne gegründeten Begriffskomplexe; gedankliche Inhalte lösen sich von den Bildern und Vorstellungen, mit denen sie ursprünglich verbunden waren, und verselbstständigen sich, fliessen auseinander, durchmischen sich, finden sich zu neuen, neuartigen Kombinationen zusammen, so bilden sich neue Gedankenverbindungen und Wissenskomplexe ...

  • Wenn diese spontane Bewegung zur Ruhe kommt, ist mein Blackout vorbei: Ich tauche ich wieder auf aus der Versenkung und stelle erstaunt fest, dass ich plötzlich die Welt mit neuen Augen betrachte und die tiefe Gewissheit habe, dass ich und die Dinge um mich rum alles Eins sind, Eins in vielerlei Gestalt. Um ein letztes Mal das Hohlspiegel-Gleichnis zu bemühen: Ich bin 'durch den Spiegel gegangen', und dies ist jetzt die richtige Weltsicht.

Diese Einsicht konnte sich nicht auf Grund sinnlicher Erfahrung bilden, sondern nur durch einen rein geistigen Prozess, der spontan ablief – vielleicht sobald ein letztes fehlendes Glied hinzukam, oder in der Art einer Kettenreaktion, sobald eine kritische Masse erreicht war – und das Hirn so intensiv beschäftigte, dass es mich derweil abschaltete, was ich als einen totalen Blackout erlebte.

Da haben sich offenbar Datenbestände in meinem Hirn selbsttätig nach eigenen Gesetzmässigkeiten neu organisiert und so eine neue geistige Harmonie gefunden, die mir eine neue Grundlegung für meine Orientierung in dieser Welt gegeben hat.

Was bleibt

Ein besserer Mensch bin ich dadurch nicht geworden. Klüger auch nicht. Aber ich bin gelassener geworden. Wenn du weisst, dass du nicht alleine dastehst gegen diese ganze Welt, sondern eins bist mit ihr – was kann dir dann etwas anhaben? Du bist sicher aufgehoben, kannst entspannt in der Gegenwart leben und die Unwägbarkeiten der Zukunft getrost auf dich zukommen lassen, kannst deinen Mitmenschen ohne Angst aufgeschlossen und freundlich begegnen, kannst über deine eigenen Fehler lachen und den Eigenarten anderer gegenüber verständnisvoller, nachsichtiger, toleranter sein.

Und meine Suche nach Gott hat aufgehört. Ich habe ihn, wenn du so willst, gefunden: Ich bin es, und du, und der Wind, der Stein, der Klang, der Abendstern  ... wir alle zusammen. Ich habe die tiefe Gewissheit – nicht wie eine neu gewonnene Erkenntnis, eher wie ein freigeschaufeltes Urwissen tief drinnen – eins zu sein mit all den Dingen um mich rum, ein Teil, ein Reflex vom grossen Ganzen, nichts im Besonderen, nicht zu trennen vom Ganzen.

Wenn du mich jetzt nach meiner Religion fragst, möchte ich fast sagen: Zen-Buddhist – aus Dankbarkeit für Suzuki und die anderthalbtausend Jahre Zen-Tradition, die er mir erschlossen hat; auch aus Anerkennung für die Zen-Methode, die auch 'Plötzlichkeits-Schule' heisst, weil sie ihre Schüler oft ganz überraschend in die Erleuchtung hineinstolpern lässt; und dann natürlich wegen der buddhistischen Weltsicht, die auch ohne Gott und Jenseitsverheissung meinem Leben Sicherheit, Frieden, Freundlichkeit und Gelassenheit gibt.

Aber richtiger wäre zu sagen: Ich hab keine Religion. Ich brauche keine, ich praktiziere keine, ich bete nicht, meditiere nicht, beichte nicht und büsse nicht, bin kein Sünder und kein Heiliger, kein Eremit und kein Philosoph – ich lebe einfach, inmitten dieser bunten Welt, erfüllt von dem immer wieder neuen Erleben der unmittelbaren Nähe und tiefen Gemeinsamkeit mit allem, was existiert, und getragen von der Erkenntnis, dass alles Eins ist, ein allumfassendes Ganzes, das sich in mir wie in allen anderen Dingen manifestiert, in das ich unerschütterlich eingebettet bin und das mir die Sicherheit gibt, getrost im Heute zu leben und Tag für Tag so zu nehmen, wie er kommt – denn*

Jeder Tag ist ein guter Tag!


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© Kai Kracht 2001
Englische Übersetzung: Zen Buddhism

* Quellenangaben: Bitte auf den Stern am jeweiligen Zitat-Ende klicken!