Text-Version Der rote Faden
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Meine Pinnwand ist chaotisch, zugegeben. Aber so ist das Leben nun mal, und alles, was ich da angepinnt habe, reflektiert einen bestimmten Aspekt meines Lebens, den ich gerne mit anderen diskutieren möchte.

Sie könnten nun zurück zur Pinnwand und dort anklicken, was Sie gerade interessiert – jedes Symbol ruft eine eigene Seite zu dem jeweiligen Thema auf.

Sie können andererseits auch hier weiterlesen, wo die Seiten meiner Website in einen kurzgefassten biographischen Zusammenhang eingebettet sind: Vom Jungnazi über Pfadfinder, Jungenschaft und Zen-Buddhismus hin zum leidenschaftlichen 68-er und engagierten Lehrer ... bis mit CMT noch ein neues Leben begann – wenn Sie mögen, können Sie jetzt diesen roten Faden hier weiter verfolgen:

Zur Seite "Pfadfinder"
Zurück hierhin mit Browser-Pfeil Wann beginnt ein eigenständiges Menschenleben? Als Embryo? Mit der Geburt? – Bei mir war's mit 16. Da ging ich zu den Pfadfindern – das war mein erster Schritt in ein eigenständiges, eigenverantwortliches Leben.

Bis dahin hatte ich nur in der Geborgenheit der Familie gelebt. Meine wesentliche Prägung hatte ich in der Nazi-Zeit erhalten, und die war auch nach 1945 nie korrigiert worden. Mein Weltbild war simpel: Deutschland war gut, alles andere war schlecht – so hatte ich es gelernt, und so hatte ich es erlebt:
Erst den Prunk des Dritten Reiches, all die Fahnen und Uniformen, die zackigen Aufmärsche und das Schloss, in dem wir damals wohnten, mit Hitlerbüste im Rittersaal, für die ich an "Führers Geburtstag" Blümchen im Schlosspark pflückte – und dann die bangen Bombennächte in Bunkern und bebenden Kellern, während draussen der Feind alles in Schutt und Asche legte, auch uns obdachlos machte, bis wir, nach erbärmlichen Notquartieren, schliesslich bei Verwandten auf dem Dachboden Unterschlupf fanden für die nächsten Jahre.
Ich war nicht der einzige, der sich ins Dritte Reich zurücksehnte, und ich machte kein Hehl aus meiner Meinung: Ein paar Jahre früher wäre ich sicher ein strammer HJ-Führer gewesen, meinte mein Geschichtslehrer in der achten Klasse, und ich war naiv genug, stolz darauf zu sein.

Dieses rechtsradikale Weltbild wischte das Pfadfinderleben einfach weg. Die neue Erlebniswelt war so erfüllend und die sittliche Orientierung an den Pfadfinderidealen so positiv, direkt erlebbar, einleuchtend und stimmig, dass ich die politische Dimension meiner Weltanschauung glatt vergass. In meinen neuen, vielfältigen Aufgaben und wachsenden Verantwortlichkeiten als Sippen- und dann als Stammesführer ging ich völlig auf. Der Einfluss der Familie auf das, was ich dachte und tat, ging mehr und mehr zurück. Geborgenheit und Rückhalt, Anerkennung, Zuspruch und Rat suchte ich bald eher bei meinen Pfadfinderfreunden als zu Hause, wo die ganze Pfadfinderei sowieso schon mehr Argwohn als Zustimmung weckte.

Ich lebte noch in der Familie, hinterfragte nicht mal deren Werthaltungen – aber sie waren uninteressant für mich geworden. Die perfekt durchorganisierte Welt der Pfadfinder mit ihren festen Idealen gab mir den Halt, nach meinen eigenen Vorstellungen zu leben und meinem Leben einen neuen, erstmals eigenen Sinn zu geben.

Zur Seite "dj.1.11"
Zurück hierhin mit Browser-Pfeil Dann wurde mir diese festgefügte Welt doch zu eng. Ich wollte meine ganz eigene Orientierung fürs Leben finden und schloss mich der autonomen jungenschaft dj.1.11 an: Hier gab es keinerlei ideelle Vorgaben und keine Organisation, dafür einen schier unermesslichen Freiraum zur Selbstgestaltung und Selbstverwirklichung, der abgesichert war durch die von der Gruppe beanspruchte und grimmig verteidigte Autonomie.

Unsere Gruppe war ein Kollektiv von Individualisten, sie lebte geradezu davon, dass jeder sich selbst verwirklichte, dies und das versuchte, seine Stärken erkannte, entfaltete und auf seine Weise etwas unerhört Neues einbrachte. So entstand, mitgeprägt von uns allen, ein ganz eigener Lebensstil mit viel individueller Freiheit und mit eigenen Ritualen, eigenen Redensarten und Umgangsformen, eigenen Werthaltungen und eigenen Gesetzen. Wir waren autonom, unsere eigenen Gesetzgeber.

Der Bruch mit den Konventionen der Erwachsenenwelt bedeutete auch, dass ich nun mein eigenes, unabhängiges Leben als Werkstudent selbst bestritt. Und die Erfahrung, mich nur in Freiheit von jeder Bevormundung entfalten zu können, hat mich ebenso bleibend geprägt wie der Anspruch, alle überkommenen Werte zu prüfen und radikal alles abzulehnen, was ich nicht selbst gutheissen kann.

Zur Seite "68-er Revolution"
Zurück hierhin mit Browser-Pfeil Als dann um die Mitte der 60-er Jahre unter der Jugend in der Bundespublik eine breite Bewegung heranreifte, die diese Auseinandersetzung mit den Werten unserer Elterngeneration öffentlich führte und schliesslich in der 68-er Revolution radikale gesellschaftliche Veränderungen erzwang, war ich von Anfang an dabei, denn ich spürte: Da wurde ein Stück meines eigenen Lebens aufgearbeitet.

  • Ich war in einer Nazi-Welt aufgewachsen, hatte mich noch als Jugendlicher selbst als einer gefühlt, und ich erkannte die Ewig-Gestrigen auch im Nachkriegszivil an ihrem herrischen Gehabe und ihren markigen Sprüchen. Sie sassen überall, in Behörden und Parteien, waren Kollegen und Nachbarn, wurden Bürgermeister und Bundespräsident – aber jetzt räumte die Jugendrebellion auf mit den Nazis in der Gesellschaft, und ich mit dem Nazi in mir.
  • Als Schüler hatte ich mich freiwillig zur Bundeswehr gemeldet, nach dem Studium wollte ich vier Jahre zur Marine, bis der Krieg in Vietnam mich aufrüttelte – mein Protest gegen den Vietnamkrieg war zugleich die Abrechnung mit dem naiven Träumer in mir, der vor lauter Seefahrerromantik vergessen hatte, dass auch bei den "Marines" das Soldatenhandwerk immer nur Mord und Zerstörung ist: Ich gab mein Soldbuch zurück und verweigerte den Kriegsdienst.
  • Ich war Lehrer geworden, weil ich mal besseren Unterricht geben wollte als das, was ich selbst durchgemacht hatte. Als erstes baute ich die obligatorische frontale Sitzordnung in meiner Klasse um und stellte Gruppentische auf, und schon das löste eine kleine Revolution an meiner Schule aus. Mit jeder neuen Unterrichtsmethode stiess ich auf Skepsis und Widerstand bei Eltern, Kollegen und Schulleitung – aber ich fand immer wieder Rückhalt und Bestätigung in der 68-er Bewegung, die die Modernisierung des Bildungswesens mit Macht vorantrieb.
  • Sexualität war in der prüden Nachkriegsgesellschaft ein absolutes Tabu gewesen: Darüber sprach man nicht, es gab keine Aufklärung, nicht mal Bücher, und Strafgesetze und strenge Moral sollten alle Sexualität vor der Ehe unterbinden – wir taten es trotzdem, natürlich, und indem wir dieses Tabu lustvoll brachen und daraus bald auch kein Geheimnis mehr machten, befreiten wir uns von unserer Unwissenheit und Verklemmtheit und zugleich die ganze Gesellschaft von ihrer Heuchelei, den unsinnigen Gesetzen und verkalkten Moralvorstellungen.

Diese immer wieder neue Erfahrung des Zusammenklangs von individueller Befreiung und gesellschaftlicher Veränderung machte mich zu einem politischen Menschen, der für die freiheitliche Gesellschaft eintreten muss, um die eigene Freiheit zu sichern. Und diese Erfahrung, die damals Millionen mobilisierte, machte die 68-er Revolution letztlich unumkehrbar: Eine ganze Jugendgeneration hatte sich freigekämpft, hatte einen eigenen Lebensstil, ein neues Lebensgefühl etabliert und würde sich diese Freiheiten nie wieder nehmen lassen.

Zur Seite "Zen-Buddhismus"
Zurück hierhin mit Browser-Pfeil Die Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus brachte mir eine Befreiung anderer Art. In der dj.1.11 hatte uns der schlichte, ausdrucksstarke Zen-Stil begeistert: die ruhende Harmonie der geharkten Zen-Gärten, die Empfindsamkeit der Haiku-Gedichte und Tuschemalereien, die gebändigte Wucht in den Kalligraphien und den Karateschlägen ...

Wir ahnten Hintergründiges, und ich wollte es wissen. Bald wurde meine karge Studentenbude zur Zenklosterzelle. Ich meditierte fast täglich, meist mehrere Stunden lang, und las immer wieder in einem dicken, oft rätselhaften Buch des Zen-Meisters Daisetz Teitaro Suzuki.

Und dann, nach gut zwei Jahren, hatte ich mein Zen-Erlebnis, nicht im Halbdunkel meiner Meditierecke, sondern an einem ganz normalen Samstagmorgen in meinem letzten Semester in der Mensa, als ich eher beiläufig in Suzuki's Buch las und wieder mal über einen Satz stolperte, den ich nicht verstand ... Es wurde das gewaltigste Erlebnis in meinem Leben, das schlagartig meine Gottsuche zu Ende brachte und meine Weltsicht buchstäblich vom Kopf auf die Füsse stellte.

Dann war ich Lehrer und bemühte ich mich um eine nicht-autoritäre Erziehung, engagierte mich gewerkschaftlich für bessere Arbeits- und Lernbedingungen in der Schule, wurde von den Schülern zum Vertrauenslehrer und von den Kollegen in den Personalrat gewählt, von der Regierung als "Radikaler" geheimdienstlich observiert und dennoch befördert zum Oberlehrer, und Zur Seite "CMT"
Zurück hierhin mit Browser-Pfeil zu meinem Abschied nach 28 Dienstjahren sprach man mir "für die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste den Dank und die Anerkennung des Staates" aus.

Da war ich 48 Jahre jung und hatte eigentlich gerade erst meine Wunschposition erreicht: Nach fünf harten Jahren nebenberuflichen Aufbaustudiums hatte ich mich zum Sonderschullehrer qualifiziert, hatte mich in den folgenden Jahren in Unterricht und Erziehung lernbehinderter und verhaltensgestörter Schüler eingearbeitet und dabei gespürt, dass mich diese Arbeit mehr erfüllte als alle bisherige pädagogische Tätigkeit – als mich plötzlich CMT überfiel, eine kaum bekannte Muskelschwund-Krankheit, die in knapp einem Jahr einen schwerbehinderten Frührentner aus mir machte.

Seitdem ist mein Leben gemächlicher. Ich lebe im Sitzen, am weit offenen Fenster, in das die Nachbarn freundlich hereingrüssen, auch mal auf einen Klönschnack stehenbleiben, und bei Regen kommen ihre Katzen hereingehupft und machen auf meiner Fensterbank ein Nickerchen. Ich sitze vor meinem Computer, reise per Internet um die Welt und korrespondiere mit E-Mail-Freunden von Alaska bis Neuseeland, ich programmiere, schreibe, zeichne und male ...
Diese Wundermaschine ist so herrlich vielseitig, dass mein langer Tag vorm Bildschirm doch immer zu kurz ist für all die Ideen, die ich gerne verwirklichen möchte ...

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Ja, auch diese Dinge an meiner Pinnwand sind Teil meines Lebens und mir so wichtig, dass ich sie hier angepinnt habe: Ich hoffe, darüber mit interessierten Menschen ins Gespräch zu kommen, eigene Erfahrungen mitzuteilen und von ihren Erfahrungen zu lernen.

E-Mail an Kai schreiben

Vielleicht haben ja Sie Interesse an einem Gedankenaustausch? Dann klicken Sie einfach dieses Bildchen an und schreiben mir eine E-Mail. Ich würde mich sehr darüber freuen.

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Doch dies sind die wichtigsten Stationen meines Lebens – Stationen wie magische Tore, in die man hineingeht und als ein anderer wieder herauskommt. Und ich bin gespannt auf die nächste Station, auch wenn es die letzte sein sollte – die "Verwandlung", wie die Buddhisten sagen.

Denn nichts hat Bestand in dieser Welt, alles verändert sich ständig. "Alles fliesst", sagen unsere grossen Denker, "das Grosse bleibt gross nicht, und klein nicht das Kleine", und "die Ersten werden die Letzten sein" – die Welt ist in Bewegung, der rote Faden wird weitergesponnen, das Leben bleibt spannend ...

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© Kai Kracht 2001
Englische Übersetzung: The Thread