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verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt ...
dieses lied umgab ein grosses geheimnis:
es war in keinem liederbuch zu finden.
niemand wusste, woher es kam und
wer den text gedichtet oder die melodie komponiert hatte.
und den verborgenen sinn mancher textzeilen
konnten wir nur erahnen.
heute ist diese tradition vergessen: das lied steht bereits im internet, und es ist wohl an der zeit, nun sein geheimnis zu ergründen und aufzudecken. denn es war zu recht unser feierlichstes lied1:
das lied
"verlasst die tempel fremder götter"
war das bundeslied der alten dj.1.11 und
wurde so, wie wir es heute kennen,
im widerstandskampf gegen hitler gesungen
in jener finsteren zeit nach 1933,
als das nazi-regime
alle bündischen jugendgruppen verboten hatte.
die dj.1.11-horten waren
in den untergrund abgetaucht und lebten nun illegal,
verboten und verfolgt, im verborgenen weiter.
die verfolgten gruppen lernten rasch, unter illegalen bedingungen weiterzuleben. man musste sich nun heimlich zum hortenabend treffen, immer auf der hut vor polizei, gestapo und denunzianten. man ging auch auf fahrt, einzeln und unauffällig, traf sich erst tief im wald und baute dort die schwarze kohte auf, die bei tage kaum auffiel und nachts den feuerschein und die gespräche und gesänge so gut nach aussen abschirmte. und in diesem kleinen kreis, rund ums kohtenfeuer, war man wieder unter sich, in seiner eigenen freien, autonomen welt: man las aus den verbotenen büchern vor, sang die alten jungenschaftslieder und beriet, was gegen die immer aggressiver auftretende hitlerjugend zu tun sei und manches alte lied bekam nun einen ganz neuen sinn, so auch dieses trotzige, kämpferische lied 3:
verlasst die tempel fremder götter,
unser geschrei erschreckt die täler,
wenn wir an ihrer seite reiten,
dann wird getanzt und toll gesungen,
wer kann sich heute noch in diese zeit hineindenken? der faschistische machtapparat beherrschte das ganze volk, bis in seine gedanken hinein: schule und hitlerjugend, die gesamte arbeitswelt, jede freizeitbetätigung alles war militärisch durchorganisiert, überall gab es kleine führer, die ihre gefolgschaft herumkommandierten, überall galt das prinzip von befehl und gehorsam und wehe dem, der aus der reihe tanzte! und doch gab es hier und da noch kleine gruppen von jungen, die den mut aufbrachten, sich der allgegenwärtigen faschistischen machtmaschine zu widersetzen, die nach ihren eigenen vorstellungen leben wollten und der nazi-ideologie eine klare absage erteilten:
ihre gruppen wurden verfolgt, aber sie setzten sich zur wehr: gestapo und hitlerjugend hatten ihnen den krieg erklärt und, bildlich gesprochen, "das schwert" gezogen und bekämpften sie buchstäblich bis aufs "blut" aber schwerter verrosten! mochten die verfolger noch so brutal vorgehen, es würde ihnen nichts nutzen:
denn wirklich entscheidend ist letztlich nur "die hand", die eigene tat, der beitrag eines jeden zur verwirklichung des grossen gemeinsamen zieles:
das land, das "land der jungen" das war das grosse ziel von dj.1.11 gewesen: alle deutschen jungenbünde sollten sich in einer einzigen grossen "jungenschaft" vereinen und sich ihr eigenes reich, ihr autonomes "jungenland" erkämpfen, in dem sie frei und selbstbestimmt leben und lernen, alles ausprobieren, althergebrachtes verbessern und überraschend neues entwickeln könnten eine ganz neue jugendkultur wollten sie schaffen, und eine woge jugendlicher kreativität würde von hier ausströmen und das kulturelle leben des ganzen volkes durchdringen und bereichern6. diese idee lebte auch in den versprengten, verfolgten dj.1.11-horten im untergrund noch fort. jedes mal, wenn die horte im verborgenen zusammenkam, erlebten sie ja ein kleines stück davon. aber ein wirklich freies, jugendgemässes, selbstbestimmtes und selbstverantwortliches leben würden sie erst führen können, wenn sie sich ihr "jungenland" erkämpft hätten. eine vision wurde beschworen: alle im verborgenen lebenden dj.1.11-kameraden würden eines tages aufstehen und sich vereinen zu einer mächtigen streitmacht und hitlers staatsjugend in die flucht schlagen:
ganz deutschland, bis hinauf ans meer, würde man von der hitlerjugend befreien und natürlich den braunen jungs die blaue jungenschaftsbluse ausziehen:
hatten die nazis doch die frechheit gehabt, dj.1.11 zu verbieten, aber die schicke blaue dj.1.11-jungenschaftsbluse als uniform für das "jungvolk" ihrer hitlerjugend7 zu verwenden aber jetzt würde "jedem feind im nahgefecht die blaue uniform entrissen", weil die nazi-jugend kein recht hatte, die jungenschaftsbluse zu tragen8; und wenn die "jungvolk"-pimpfe, diese "schlechten hunde", die ständig den untergetauchten dj.1.11-horten nachschnüffelten und sie bespitzelten, um sie bei der gestapo zu denunzieren und sie ins gefängnis zu bringen oder ins konzentrationslager ... wenn die dabei ein paar blaue flecken abbekämen, so wäre das nur gerecht. und dann endlich könnten sie sich vereinen, alle die grossartigen, "grossen kameraden" der jungenschaft, um das freie, autonome "jungenland" zu errichten unter dem rotgrauen panier von dj.1.11:
auch wenn es zu diesem grossen aufstand der jungenschaft gegen die hitlerjugend nie gekommen ist und das autonome "jungenland" ein traum, eine ferne utopie blieb die jungen haben ihren kampf für ein freies, selbstbestimmtes leben nie aufgegeben. und dieses lied hat sie dabei bestärkt. das lied ist kämpferisch in einer zeit, da die meisten kämpfer schon verstummt waren. das lied benennt den feind und macht mut, ihm tag für tag die stirn zu bieten. das lied bekräftigt die entschlossenheit, den eigenen lebensstil zu verteidigen und sich nicht unterkriegen zu lassen. das lied vermittelt selbstbestätigung, selbstbewusstsein, kampfgeist und jenen unbeugsamen widerstandswillen, mit dem viele dj.1.11-er dem nazi-regime und seinen häschern und henkern getrotzt haben.
ihren mut, ihre entschlossenheit zum widerstand reflektiert unser lied: aus diesem geist wurde es geboren, und diesen geist gab es bekräftigend zurück, so oft es gesungen wurde. und wer das lied heute singt, erweckt ihn zu neuem leben: den geist dieser jungen, jugendlichen widerstandskämpfer, die selbst unter einem rücksichtslosen, menschenverachtenden terror-regime den widerstand gegen unrecht und unterdrückung mutig gewagt und den kampf für ein freies, selbstbestimmtes, menschenwürdiges leben entschlossen geführt haben. singen wir also dieses weithin unbekannte lied14, und erzählen wir seine geschichte, damit die welt es auch versteht und von dem nahezu vergessenen widerstandskampf der jungen menschen in deutschland gegen das hitler-regime erfährt!
anmerkungen: 1 das lied "verlasst die tempel fremder götter" war das geheime bundeslied von dj.1.11, es wurde nur zu besonderen anlässen gesungen, nirgends schriftlich niedergelegt und nie veröffentlicht. daher lässt sich heute nur vermuten, wann genau das lied entstanden ist und wie der ursprüngliche text lautete.
vermutlich entstand es im herbst 1931,
nachdem der versuch von dj.1.11,
als keimzelle jungenschaftlicher lebensform
die grossen bünde der weimarer zeit
von innen heraus zu revolutionieren,
erst in der "deutschen freischar" und nun auch
im "deutschen pfadfinderbund" gescheitert war.
im herbst 1931 wird das lied (im dj.1.11-rundbrief "rakete" nr.79/6.10.1931) zum ersten mal erwähnt, und im folgenden jahr bekräftigte dj.1.11-bundesführer eberhard koebel (tusk, in "das grosse lager", 1932) seine "siegesgewissen gedanken" über den endgültigen erfolg der jungenschaftsidee mit einem vier-zeilen-zitat aus der zweiten liedstrophe dies ist bis heute der einzige greifbare hinweis auf die urform des liedes, das damals möglicherweise nur aus jenen drei strophen bestand, die sich in ihrer schlusszeile alle auf den "grossen kameraden" (s. anmerkung 5) beziehen. im sommer 1933, nach dem verbot aller bündischen und jungenschaftlichen gruppen durch das nazi-regime, wurde das dj.1.11-bundeslied zum kampflied gegen die hitlerjugend, und für alle, die sich in den folgenden zwölf jahren trotz unterdrückung und verfolgung den dj.1.11-horten im untergrund anschlossen, war es überhaupt nur noch dies: das lied ihres widerstandskampfes. sehr wahrscheinlich wurde der ursprüngliche text den neuen kampfbedingungen angepasst und im laufe der jahre mehrmals verändert, und die dritte strophe mit ihrer scharfen, eindeutig gegen das nazi-"jungvolk" gerichteten kampfansage wurde wohl erst jetzt in das lied eingefügt. zweifellos ist das lied in seiner heutigen form geprägt durch den zwölfjährigen widerstandskampf der dj.1.11 gegen das nazi-regime, und in diesem sinne wird es hier auch gedeutet.
nach der befreiung schrieben einzelne horten das lied freimütig in ihre für den gruppeninternen gebrauch hektographierten liederhefte, so die leonen-horte in hannover in "lieder der leonen" (1946). für viele andere dagegen blieb die konspirative tradition auch weiterhin untrennbar mit diesem lied verbunden und war noch in den sechziger jahren in allen mir bekannten horten üblich.
die unterschiede dieser textfassungen untereinander weisen darauf hin, dass der wortlaut bei der zwölfjährigen, fast ausschliesslich mündlichen weitergabe unter illegalen bedingungen immer wieder leicht verändert worden ist. all diese verschiedenen textversionen können, jede auf ihre art, als authentisches erbe aus der zeit des widerstandskampfes gelten: den einen, allein richtigen text dieses liedes gibt es nicht.
eberhard koebel (tusk, in "lagerfeuer", mai 1931) empfahl der dj.1.11 dieses buch über den "grossen kameraden", den "ungestümen älteren freund", der jüngere "mit grossem vorbild beunruhigt und zum schnellen wachstum getrieben" hat. die liedzeilen über "den grossen kameraden" (s. anmerkung nr.3, textaufzeichnung von 1947) mögen sich also ursprünglich auf eine solche idealgestalt bezogen haben, und so wurde das lied auch in einigen dj.1.11-horten durch die jahre der illegalität bis in unsere tage überliefert, denn noch um 1960 sangen wir: "... für unsern grossen kameraden" wir dachten dabei an eine idealisierte jungenschaftler-gestalt, an unser besseres ich, vielleicht auch an tusk, oder an romin, den jungen stuttgarter hortenführer, der im sommer 1930 in den alpen tödlich verunglückt war, als er vorauseilend einen weg für seine horte suchte, an einem geröllhang abrutschte und in eine schlucht stürzte. sein tod hat damals die ganze dj.1.11 tief bewegt, und mancher jungenschaftler aus jener zeit ist noch heute überzeugt, dass nur romin mit "dem grossen kameraden" gemeint sein konnte. doch in der anderen, ebenfalls aus dem widerstand überlieferten textfassung (s. anmerkung nr.3, textaufzeichnung von 1946), wird "kameraden" als mehrzahlbegriff gebraucht: "kameraden" war die übliche anrede in der alten dj.1.11 und umfasst hier offenbar die gemeinschaft aller jungenschaftler. sie deutet an, dass der widerstand des einzelnen und seiner im untergrund vereinzelten, auf sich allein gestellten horte stets eingebettet war in den solidarischen widerstandskampf aller jungenschaftler wichtiger als die individuelle selbstverwirklichung hin zum leuchtenden vorbild "des grossen kameraden" war nun, in der zeit von verfolgung und widerstand, die verschworene kampfgemeinschaft, die solidarität "der grossen kameraden" geworden. erst nach dieser umdeutung muss die dritte strophe eingefügt worden sein, die sich mit ihrer ersten zeile "wenn wir an ihrer seite reiten ..." nur auf "die grossen kameraden" beziehen kann.
wenn sie jetzt noch den legendären dj.1.11-führer eberhard koebel (tusk, 1907-1955) als "reichsjungvolkführer" hätte präsentieren können, wäre die täuschung perfekt und der letzte widerstand der bündischen jugend wohl bald gebrochen. also wurde tusk im januar 1934 von der gestapo verhaftet und mit allen mitteln, von versprechungen bis hin zu morddrohungen, bearbeitet, um ihn für eine mitarbeit zu gewinnen.
doch tusk weigerte sich und
entkam dem gestapo-terror schliesslich
nur dadurch, dass er sich in seiner zelle
die pulsadern aufschnitt, ins staatskrankenhaus kam
und sich dort aus dem fenster stürzte:
lebensgefährlich verletzt,
wurde er gegen hohe kaution
seiner mutter zur pflege übergeben.
in den horten unserer zeit war auch die textversion "die braune uniform entrissen" bekannt offenbar eine ab 1937 gesungene textanpassung, die nun die gesamte hitlerjugend einschloss.
willi graf (1918-1943) kam aus dem katholischen bund "neudeutschland" und schloss sich dem illegalen, jungenschaftlich geprägten katholischen "grauen orden" an, hatte zudem bis 1939 kontakt zu dj.1.11-gruppen in bonn.
die grafik auf unserem liederblatt ist von fritz stelzer (pauli) und erschien in der dj.1.11-zeitschrift "die kiefer" im juli 1933. einen monat zuvor hatte die "reichsjugendführung" allen nicht-nationalsozialistischen jugendgruppen offiziell die daseinsberechtigung abgesprochen und den berüchtigten hj-streifendienst eingerichtet, um fortbestehende "bündische umtriebe" auszuspähen und zu denunzieren. dj.1.11 war gezwungen, in den untergrund zu gehen, aber entschlossen, den kampf aufzunehmen und hat ihn länger durchgestanden als die mächtigen unterdrücker.
© kai kracht 2003 / 4. fassung |
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