: verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt ...

dieses lied umgab ein grosses geheimnis: es war in keinem liederbuch zu finden. niemand wusste, woher es kam und wer den text gedichtet oder die melodie komponiert hatte. und den verborgenen sinn mancher textzeilen konnten wir nur erahnen.
und es war unser geheimnis: es war allein unser lied, das lied von dj.1.11, nur wir kannten es, und wir bewahrten es in unseren köpfen. niemand durfte den text aufschreiben, damit der nicht in falsche hände geriete, und keinesfalls durfte das lied an fremde weitergegeben werden.

heute ist diese tradition vergessen: das lied steht bereits im internet, und es ist wohl an der zeit, nun sein geheimnis zu ergründen und aufzudecken. denn es war zu recht unser feierlichstes lied1:

das lied "verlasst die tempel fremder götter" war das bundeslied der alten dj.1.11 und wurde so, wie wir es heute kennen, im widerstandskampf gegen hitler gesungen – in jener finsteren zeit nach 1933, als das nazi-regime alle bündischen jugendgruppen verboten hatte. die dj.1.11-horten waren in den untergrund abgetaucht und lebten nun illegal, verboten und verfolgt, im verborgenen weiter.
und die noch zu unserer zeit lebendige tradition, das lied nie an aussenstehende weiterzugeben und den text nicht mal für sich aufzuschreiben, gehörte nun zu den konspirativen regeln, mit denen die gruppen sich gegen durchsuchungen und gestapo-spitzel schützen mussten2. und natürlich durfte niemand wissen, wer text und melodie dieses rebellischen liedes verfasst hatte; ihre namen sind bis heute unbekannt.

die verfolgten gruppen lernten rasch, unter illegalen bedingungen weiterzuleben. man musste sich nun heimlich zum hortenabend treffen, immer auf der hut vor polizei, gestapo und denunzianten. man ging auch auf fahrt, einzeln und unauffällig, traf sich erst tief im wald und baute dort die schwarze kohte auf, die bei tage kaum auffiel und nachts den feuerschein und die gespräche und gesänge so gut nach aussen abschirmte. und in diesem kleinen kreis, rund ums kohtenfeuer, war man wieder unter sich, in seiner eigenen freien, autonomen welt: man las aus den verbotenen büchern vor, sang die alten jungenschaftslieder und beriet, was gegen die immer aggressiver auftretende hitlerjugend zu tun sei – und manches alte lied bekam nun einen ganz neuen sinn, so auch dieses trotzige, kämpferische lied 3:

    verlasst die tempel fremder götter,
    glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt.
    das schwert will blut, der rost frisst schwerter,
    doch über allem herrscht die hand –
    deine hand, deine hand für das land
    und seine grossen kameraden.

    unser geschrei erschreckt die täler,
    und unsre lungen gehen schwer
    vom staub der flüchtigen armeen,
    dj.1.11 jagt hinterher –
    hinterher, hinterher, bis ans meer
    zu unsern grossen kameraden.

    wenn wir an ihrer seite reiten,
    wird jedem feind im nahgefecht
    die blaue uniform entrissen,
    und jeder spricht: das ist gerecht,
    ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht,
    denn schlechte hunde muss man schlagen.

    dann wird getanzt und toll gesungen,
    graues panier wird stumm bewacht.
    hoch unser land, hoch seine jungen,
    dj.1.11, hoch seine macht.
    jeden tag, jede nacht, jede schlacht
    für unsre grossen kameraden.

wer kann sich heute noch in diese zeit hineindenken? der faschistische machtapparat beherrschte das ganze volk, bis in seine gedanken hinein: schule und hitlerjugend, die gesamte arbeitswelt, jede freizeitbetätigung – alles war militärisch durchorganisiert, überall gab es kleine führer, die ihre gefolgschaft herumkommandierten, überall galt das prinzip von befehl und gehorsam – und wehe dem, der aus der reihe tanzte!

und doch gab es hier und da noch kleine gruppen von jungen, die den mut aufbrachten, sich der allgegenwärtigen faschistischen machtmaschine zu widersetzen, die nach ihren eigenen vorstellungen leben wollten und der nazi-ideologie eine klare absage erteilten:

    verlasst die tempel fremder götter,
    glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt.

ihre gruppen wurden verfolgt, aber sie setzten sich zur wehr: gestapo und hitlerjugend hatten ihnen den krieg erklärt und, bildlich gesprochen, "das schwert" gezogen und bekämpften sie buchstäblich bis aufs "blut" – aber schwerter verrosten! mochten die verfolger noch so brutal vorgehen, es würde ihnen nichts nutzen:

    das schwert will blut, der rost frisst schwerter4

denn wirklich entscheidend ist letztlich nur "die hand", die eigene tat, der beitrag eines jeden zur verwirklichung des grossen gemeinsamen zieles:

    doch über allem herrscht die hand –
    deine hand, deine hand für das land,
    für unsre grossen kameraden5.

das land, das "land der jungen" – das war das grosse ziel von dj.1.11 gewesen: alle deutschen jungenbünde sollten sich in einer einzigen grossen "jungenschaft" vereinen und sich ihr eigenes reich, ihr autonomes "jungenland" erkämpfen, in dem sie frei und selbstbestimmt leben und lernen, alles ausprobieren, althergebrachtes verbessern und überraschend neues entwickeln könnten – eine ganz neue jugendkultur wollten sie schaffen, und eine woge jugendlicher kreativität würde von hier ausströmen und das kulturelle leben des ganzen volkes durchdringen und bereichern6.

diese idee lebte auch in den versprengten, verfolgten dj.1.11-horten im untergrund noch fort. jedes mal, wenn die horte im verborgenen zusammenkam, erlebten sie ja ein kleines stück davon. aber ein wirklich freies, jugendgemässes, selbstbestimmtes und selbstverantwortliches leben würden sie erst führen können, wenn sie sich ihr "jungenland" erkämpft hätten.

eine vision wurde beschworen: alle im verborgenen lebenden dj.1.11-kameraden würden eines tages aufstehen und sich vereinen zu einer mächtigen streitmacht und hitlers staatsjugend in die flucht schlagen:

    unser geschrei erschreckt die täler,
    und unsre lungen gehen schwer
    vom staub der flüchtigen armeen,
    dj.1.11 jagt hinterher –
    hinterher, hinterher, bis ans meer
    zu unsern grossen kameraden.

ganz deutschland, bis hinauf ans meer, würde man von der hitlerjugend befreien – und natürlich den braunen jungs die blaue jungenschaftsbluse ausziehen:

    wenn wir an ihrer seite reiten,
    wird jedem feind im nahgefecht
    die blaue uniform entrissen,
    und jeder spricht: das ist gerecht,
    ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht,
    denn schlechte hunde muss man schlagen.

hatten die nazis doch die frechheit gehabt, dj.1.11 zu verbieten, aber die schicke blaue dj.1.11-jungenschaftsbluse als uniform für das "jungvolk" ihrer hitlerjugend7 zu verwenden – aber jetzt würde "jedem feind im nahgefecht die blaue uniform entrissen", weil die nazi-jugend kein recht hatte, die jungenschaftsbluse zu tragen8; und wenn die "jungvolk"-pimpfe, diese "schlechten hunde", die ständig den untergetauchten dj.1.11-horten nachschnüffelten und sie bespitzelten, um sie bei der gestapo zu denunzieren und sie ins gefängnis zu bringen oder ins konzentrationslager ... wenn die dabei ein paar blaue flecken abbekämen, so wäre das nur gerecht.

und dann endlich könnten sie sich vereinen, alle die grossartigen, "grossen kameraden" der jungenschaft, um das freie, autonome "jungenland" zu errichten unter dem rotgrauen panier von dj.1.11:

    dann wird getanzt und toll gesungen,
    graues panier wird stumm bewacht.
    hoch unser land, hoch seine jungen,
    dj.1.11, hoch seine macht.
    jeden tag, jede nacht, jede schlacht
    für unsre grossen kameraden.

auch wenn es zu diesem grossen aufstand der jungenschaft gegen die hitlerjugend nie gekommen ist und das autonome "jungenland" ein traum, eine ferne utopie blieb – die jungen haben ihren kampf für ein freies, selbstbestimmtes leben nie aufgegeben. und dieses lied hat sie dabei bestärkt.

das lied ist kämpferisch – in einer zeit, da die meisten kämpfer schon verstummt waren. das lied benennt den feind und macht mut, ihm tag für tag die stirn zu bieten. das lied bekräftigt die entschlossenheit, den eigenen lebensstil zu verteidigen und sich nicht unterkriegen zu lassen. das lied vermittelt selbstbestätigung, selbstbewusstsein, kampfgeist und jenen unbeugsamen widerstandswillen, mit dem viele dj.1.11-er dem nazi-regime und seinen häschern und henkern getrotzt haben.

  • dem hitler-regime ist es nie gelungen, den widerstand der bündischen jugendgruppen wirklich zu zerschlagen. dreimal muss ein gesetzliches verbot ausgesprochen werden: 1933, 1937 und nochmal 1939, und fast jedes jahr findet eine grossrazzia statt: 1934 fahndet die gestapo im ganzen reich gezielt nach dj.1.11-gruppen, die insgeheim die hitlerjugend unterwandern und von innen heraus verändern wollen9; 1935 durchkämmen sa-kommandos im rheinland jedes pfingstlager und arrestieren alle bündischen gruppen; in zwei grossen verhaftungswellen, 1936/37 und 1939/40, nimmt die gestapo tausende von jugendlichen fest, viele werden zu gefängnis, zuchthaus, konzentrationslager, einige auch zum tode verurteilt, und viele überleben die gestapo-verhöre und die kz-haft nicht – und doch leben die gruppen im untergrund weiter, halten kontakt untereinander, führen politische schulungen durch, fahren ins ausland und schleusen illegales schrifttum ein, das sie hier verbreiten.
  • wir kennen nur wenige namen aus dem heute fast vergessenen widerstand der jugendgruppen, zumeist nur die namen aus den gestapo- und gerichtsakten.
    da deckt die gestapo zum beispiel 1937 in ulm eine illegale jungenschaftsgruppe auf, und der dj.1.11-er hans scholl kommt vor gericht und für fünf wochen ins gefängnis,
  • und im sommer 1942 begründet derselbe hans scholl mit willi graf, der aus einer christlich orientierten jungenschaft kommt, und mit seiner schwester sophie und einigen anderen studenten in münchen die widerstandsgruppe "weisse rose", die es wagt, massenhaft flugblätter gegen das nazi-regime zu verteilen und "NIEDER MIT HITLER" metergross an die wände zu schreiben.
  • so wie sie haben wohl viele junge menschen die politische dimension des widerstandskampfes erst erkannt, als sie aus den jugendgruppen herausgewachsen waren. aber ihre entschlossenheit zum widerstand brachten sie von dort mit, und in allen bedeutenden widerstandskreisen, die sich im dritten reich gegen das hitler-regime bildeten, arbeiteten sie mit, und oft waren gerade sie die führenden köpfe ihrer widerstandsgruppen: helmuth v.moltke vom "kreisauer kreis"10, hans scholl und willi graf von der "weissen rose"11, harro schulze-boysen von der "roten kapelle"12 und claus v.stauffenberg von der gruppe des 20.juli13 stehen hier stellvertretend für die vielen tausend anderen, unerkannt und unbekannt gebliebenen widerstandskämpfer aus der jugendbewegung.

ihren mut, ihre entschlossenheit zum widerstand reflektiert unser lied: aus diesem geist wurde es geboren, und diesen geist gab es bekräftigend zurück, so oft es gesungen wurde.

und wer das lied heute singt, erweckt ihn zu neuem leben: den geist dieser jungen, jugendlichen widerstandskämpfer, die selbst unter einem rücksichtslosen, menschenverachtenden terror-regime den widerstand gegen unrecht und unterdrückung mutig gewagt und den kampf für ein freies, selbstbestimmtes, menschenwürdiges leben entschlossen geführt haben.

singen wir also dieses weithin unbekannte lied14, und erzählen wir seine geschichte, damit die welt es auch versteht und von dem nahezu vergessenen widerstandskampf der jungen menschen in deutschland gegen das hitler-regime erfährt!







anmerkungen:

1 das lied "verlasst die tempel fremder götter" war das geheime bundeslied von dj.1.11, es wurde nur zu besonderen anlässen gesungen, nirgends schriftlich niedergelegt und nie veröffentlicht. daher lässt sich heute nur vermuten, wann genau das lied entstanden ist und wie der ursprüngliche text lautete.

vermutlich entstand es im herbst 1931, nachdem der versuch von dj.1.11, als keimzelle jungenschaftlicher lebensform die grossen bünde der weimarer zeit von innen heraus zu revolutionieren, erst in der "deutschen freischar" und nun auch im "deutschen pfadfinderbund" gescheitert war.
jetzt verfolgte dj.1.11 mit der "rotgrauen aktion" (s. anmerkung 6) eine ganz neue strategie zur schaffung der einen grossen "deutschen jungenschaft", und das lied "verlasst die tempel fremder götter", das den siegeszug dieser idee in einer euphorischen vision vorwegnimmt, wurde nun zum programmatischen bundeslied.

im herbst 1931 wird das lied (im dj.1.11-rundbrief "rakete" nr.79/6.10.1931) zum ersten mal erwähnt, und im folgenden jahr bekräftigte dj.1.11-bundesführer eberhard koebel (tusk, in "das grosse lager", 1932) seine "siegesgewissen gedanken" über den endgültigen erfolg der jungenschaftsidee mit einem vier-zeilen-zitat aus der zweiten liedstrophe – dies ist bis heute der einzige greifbare hinweis auf die urform des liedes, das damals möglicherweise nur aus jenen drei strophen bestand, die sich in ihrer schlusszeile alle auf den "grossen kameraden" (s. anmerkung 5) beziehen.

im sommer 1933, nach dem verbot aller bündischen und jungenschaftlichen gruppen durch das nazi-regime, wurde das dj.1.11-bundeslied zum kampflied gegen die hitlerjugend, und für alle, die sich in den folgenden zwölf jahren trotz unterdrückung und verfolgung den dj.1.11-horten im untergrund anschlossen, war es überhaupt nur noch dies: das lied ihres widerstandskampfes. sehr wahrscheinlich wurde der ursprüngliche text den neuen kampfbedingungen angepasst und im laufe der jahre mehrmals verändert, und die dritte strophe mit ihrer scharfen, eindeutig gegen das nazi-"jungvolk" gerichteten kampfansage wurde wohl erst jetzt in das lied eingefügt. zweifellos ist das lied in seiner heutigen form geprägt durch den zwölfjährigen widerstandskampf der dj.1.11 gegen das nazi-regime, und in diesem sinne wird es hier auch gedeutet.


2 die geheimhaltung war auch in zeiten der verfolgung nicht lückenlos. so wird von dem liederblatt einer illegalen wiener jungenschaftsgruppe der kriegsjahre berichtet, das dieses lied enthielt.

nach der befreiung schrieben einzelne horten das lied freimütig in ihre für den gruppeninternen gebrauch hektographierten liederhefte, so die leonen-horte in hannover in "lieder der leonen" (1946). für viele andere dagegen blieb die konspirative tradition auch weiterhin untrennbar mit diesem lied verbunden und war noch in den sechziger jahren in allen mir bekannten horten üblich.


3 der hier mitgeteilte text orientiert sich an den ältesten bisher erreichbaren textaufzeichnungen:

textaufzeichnung von 1946
in "lieder der leonen" (s. anmerkung 2):

verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert will blut, der rost will schwerter,
doch über allem herrscht die hand,
deine hand, deine hand für das land
und seine grossen kameraden.

unser geschrei erschreckt die täler
und unsere lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher.
hinterher, hinterher bis ans meer,
zu unseren grossen kameraden.

wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue kluft entrissen,
ein jeder spricht, das ist gerecht,
ganz gerecht, ganz gerecht, ganz gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.

 
 
 
 (die vierte strophe wurde auch
 in der leonen-horte gesungen,
 sie fehlt aber in ihrem textheft)

textaufzeichnung von 1947
von heinrich steinhöfel (heinpe):

verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert will blut, der rost will schwerter.
doch über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und seinen grossen kameraden.

unser geschrei erschreckt die täler
und unsre lungen atmen schwer
vom staub der flüchtigen armeen
dj.1.11 jagt hinterher!
hinterher, hinterher, bis ans meer
zu unserm grossen kameraden.

wenn wir an ihrer seite reiten
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen
und jeder spricht: es ist gerecht!
ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht
denn schlechte hunde muss man schlagen.

dann wird getanzt und toll gesungen
graues panier wird stumm bewacht
hoch unser land; hoch seine jungen,
dj.1.11 hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsern grossen kameraden.

textaufzeichnung
von erich scholz (olka):

verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert frisst blut, doch rost frisst schwerter,
und über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und für den grossen kameraden.

unser geschrei erschreckt die täler,
und unsere lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher.
hinterher, hinterher bis ans meer,
für unsern grossen kameraden.

wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen,
ein jeder spricht, das ist gerecht!
unser recht, ganz gerecht, ganz gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.

dann wird getanzt und toll gesungen.
graues panier wird stumm bewacht.
hoch unser land, hoch seine jungen,
dj.1.11, hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsern grossen kameraden.

die unterschiede dieser textfassungen untereinander weisen darauf hin, dass der wortlaut bei der zwölfjährigen, fast ausschliesslich mündlichen weitergabe unter illegalen bedingungen immer wieder leicht verändert worden ist. all diese verschiedenen textversionen können, jede auf ihre art, als authentisches erbe aus der zeit des widerstandskampfes gelten: den einen, allein richtigen text dieses liedes gibt es nicht.


4 die bildersprache dieser zeile wurde immer wieder unterschiedlich interpretiert und besonders vielfältig variiert. folgende versionen sind überliefert:
 – "das schwert will blut, der rost will schwerter" (aus hannover, 1946),
 – "das schwert frisst blut, der rost frisst schwerter" (aus pirmasens, ca. 1948),
 – "das schwert frisst blut, doch rost frisst schwerter" (s. anmerkung 3, text von olka),
 – "der rost verdirbt die besten schwerter" (1948),
 – "das schwert will blut, das blut will schwerter" (aus bochum, ca. 1960),
 – "das schwert will blut, das korn will schnitter" (aus dortmund, ca. 1960) ...


5 "der grosse kamerad" ist, in dem gleichnamigen roman von alain-fournier, ein fünfzehnjähriger junge, der über alle regeln und konventionen hinweg seinen eigenen weg geht und in einem phantastischen erlebnis das abenteuer seiner jugend findet – ein "vorauseilender", "selbsterringender", so wie ein jungenschaftler sein sollte.

eberhard koebel (tusk, in "lagerfeuer", mai 1931) empfahl der dj.1.11 dieses buch über den "grossen kameraden", den "ungestümen älteren freund", der jüngere "mit grossem vorbild beunruhigt und zum schnellen wachstum getrieben" hat.

die liedzeilen über "den grossen kameraden" (s. anmerkung nr.3, textaufzeichnung von 1947) mögen sich also ursprünglich auf eine solche idealgestalt bezogen haben, und so wurde das lied auch in einigen dj.1.11-horten durch die jahre der illegalität bis in unsere tage überliefert, denn noch um 1960 sangen wir: "... für unsern grossen kameraden" – wir dachten dabei an eine idealisierte jungenschaftler-gestalt, an unser besseres ich, vielleicht auch an tusk, oder an romin, den jungen stuttgarter hortenführer, der im sommer 1930 in den alpen tödlich verunglückt war, als er vorauseilend einen weg für seine horte suchte, an einem geröllhang abrutschte und in eine schlucht stürzte. sein tod hat damals die ganze dj.1.11 tief bewegt, und mancher jungenschaftler aus jener zeit ist noch heute überzeugt, dass nur romin mit "dem grossen kameraden" gemeint sein konnte.

doch in der anderen, ebenfalls aus dem widerstand überlieferten textfassung (s. anmerkung nr.3, textaufzeichnung von 1946), wird "kameraden" als mehrzahlbegriff gebraucht: "kameraden" war die übliche anrede in der alten dj.1.11 und umfasst hier offenbar die gemeinschaft aller jungenschaftler. sie deutet an, dass der widerstand des einzelnen und seiner im untergrund vereinzelten, auf sich allein gestellten horte stets eingebettet war in den solidarischen widerstandskampf aller jungenschaftler – wichtiger als die individuelle selbstverwirklichung hin zum leuchtenden vorbild "des grossen kameraden" war nun, in der zeit von verfolgung und widerstand, die verschworene kampfgemeinschaft, die solidarität "der grossen kameraden" geworden.

erst nach dieser umdeutung muss die dritte strophe eingefügt worden sein, die sich mit ihrer ersten zeile "wenn wir an ihrer seite reiten ..." nur auf "die grossen kameraden" beziehen kann.


6 dj.1.11 hatte im sommer 1931 die "rotgraue aktion" gestartet mit dem ziel, alle deutschen jungen in der einen autonomen "deutschen jungenschaft" zu vereinen. auf die strasse, in die schulen und sportvereine und besonders in die jugendbünde wollte man gehen und für den grossen zusammenschluss werben. jeder bund sollte darin seine eigenart bewahren, aber bereichern durch den neuen jungenschaftlichen lebensstil. dazu gehörte, als gemeinsame kluft, die dunkelblaue jungenschaftsbluse.


7 mit der einführung der jungenschaftsbluse als "jungvolk"-uniform und der bezeichnung "jungenschaft" für ihre "jungvolk"-gruppen griff die nazi-führung zum schein die idee der "rotgrauen aktion" von dj.1.11 auf, um ihr "jungvolk" als die ersehnte grosse, vereinte jungenschaft darzustellen.

wenn sie jetzt noch den legendären dj.1.11-führer eberhard koebel (tusk, 1907-1955) als "reichsjungvolkführer" hätte präsentieren können, wäre die täuschung perfekt und der letzte widerstand der bündischen jugend wohl bald gebrochen. also wurde tusk im januar 1934 von der gestapo verhaftet und mit allen mitteln, von versprechungen bis hin zu morddrohungen, bearbeitet, um ihn für eine mitarbeit zu gewinnen.

doch tusk weigerte sich und entkam dem gestapo-terror schliesslich nur dadurch, dass er sich in seiner zelle die pulsadern aufschnitt, ins staatskrankenhaus kam und sich dort aus dem fenster stürzte: lebensgefährlich verletzt, wurde er gegen hohe kaution seiner mutter zur pflege übergeben.
in der mordnacht des 30.juni 1934, in der hitler seinen sa-stabschef röhm und insgesamt 1700 oppositionelle durch die ss ermorden liess, sollte auch tusk abgeholt werden. doch das ss-kommando fand die wohnung seiner mutter leer. tusk war bereits in stockholm.
rechtzeitig gewarnt, war er drei wochen vorher mit hilfe von dj.1.11-freunden unerkannt nach sassnitz auf rügen gelangt, wo er als urlauber getarnt ein schwedisches fährschiff besteigen konnte. als sein schweden-visum im oktober 1934 ablief, fand er aufnahme in england, wo er bis 1948 lebte.


8 die dritte strophe muss in den jahren 1933 bis 1936 entstanden sein, denn nur in dieser zeit trug das "jungvolk" die jungenschaftsbluse. ende 1936 wurde der hj-dienst für alle jugendlichen zur gesetzlichen pflicht, und nun bekam auch das "jungvolk" eine neue uniformjacke von mehr soldatischem zuschnitt.

in den horten unserer zeit war auch die textversion "die braune uniform entrissen" bekannt – offenbar eine ab 1937 gesungene textanpassung, die nun die gesamte hitlerjugend einschloss.


9 die unterwanderung der hitlerjugend war 1933 erklärte strategie von dj.1.11, hatte im "jungvolk" auch einige bemerkenswerte erfolge (vgl. anmerkung nr.11), wurde aber von der gestapo scharf verfolgt und weitgehend schon 1934, endgültig aber wohl 1938 aufgegeben – die dj.1.11-horten zogen sich zurück, hielten kontakt untereinander und bauten zusammen mit anderen jungenschaftlichen gruppen untergrund-netzwerke auf, die bis ins ausland reichten: ein forum für ihre berichte und diskussionen fanden sie in der zeitschrift "kameradschaft", die theo hespers in holland herausgab, und das bis berlin, hamburg und münchen verzweigte untergrund-netz "sozialistische nation" erhielt aus paris von karl o. paetel anregungen und material für politische diskussionen und schulungen.


10 helmuth james v.moltke (1907-1945), leiter des "kreisauer kreises", hatte in engem kontakt zur "deutschen freischar" gestanden; auch weitere führende persönlichkeiten dieser widerstandsgruppe wie adolf reichwein, alfred delp, eugen gerstenmaier, carl dietrich v.trotha, otto heinrich v.d.gablentz und andere kamen aus der jugendbewegung der weimarer zeit.


11 hans scholl (1918-1943) trat im oktober 1933, zunächst begeistert vom forschen schwung der neuen bewegung, in ulm in die hitlerjugend ein. doch der "jungvolk"-führer von ulm war in wirklichkeit ein dj.1.11-er, der die nazi-jugend ganz im freiheitlichen, jungenschaftlichen stil erzog und weitere jungenschaftler seiner illegalen dj.1.11-horte als unterführer einsetzte. hans scholl, inzwischen angewidert von dem hohlen pathos und dem stumpfen drill in der hitlerjugend, wurde bald in die untergrund-dj.1.11 von ulm aufgenommen und wurde führer einer "jungvolk"-gruppe von zehn schülern, die sich bald auch illegal als eigene dj.1.11-horte traf, bis sie 1937 von der gestapo aufgedeckt wurde und hans scholl wegen "fortsetzung der bündischen jugend" vor gericht kam.

willi graf (1918-1943) kam aus dem katholischen bund "neudeutschland" und schloss sich dem illegalen, jungenschaftlich geprägten katholischen "grauen orden" an, hatte zudem bis 1939 kontakt zu dj.1.11-gruppen in bonn.


12 harro schulze-boysen (1909-1942) war als jugendlicher im "jungdeutschen orden" und, wie viele weitere mitglieder der von ihm und arvid harnack geleiteten widerstandsorganisation, stark durch die jugendbewegung beeinflusst. 1932 hatte er ein "treffen der revolutionären jugend europas" organisiert und, inspiriert von fred schmid (aus dem dj.1.11-nahen "grauen korps"), die zeitschrift "der gegner" herausgegeben, die 1933 verboten wurde. auch danach hoffte er, aus den untergrund-gruppen noch kräfte für den widerstand zu gewinnen.


13 claus v.stauffenberg (1907-1944), motor und kopf des militärischen widerstands gegen hitler und am ende auch selbst der attentäter des 20.juli 1944, war durch seine jugend bei den bündischen "neupfadfindern" geprägt – bis hin zu deren vorliebe für den dichter stefan george, die stauffenberg zeitlebens teilte.


14 ein liederblatt mit noten und text dieses liedes kann unter  < http://www.kaikracht.de/dj/blatt3.htm >  heruntergeladen und ausgedruckt werden. die melodie ist darin so notiert, wie sie in den dj.1.11-horten des hortenrings um 1960 gesungen wurde.

die grafik auf unserem liederblatt ist von fritz stelzer (pauli) und erschien in der dj.1.11-zeitschrift "die kiefer" im juli 1933. einen monat zuvor hatte die "reichsjugendführung" allen nicht-nationalsozialistischen jugendgruppen offiziell die daseinsberechtigung abgesprochen und den berüchtigten hj-streifendienst eingerichtet, um fortbestehende "bündische umtriebe" auszuspähen und zu denunzieren. dj.1.11 war gezwungen, in den untergrund zu gehen, aber entschlossen, den kampf aufzunehmen – und hat ihn länger durchgestanden als die mächtigen unterdrücker.


© kai kracht 2003 / 4. fassung


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