verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt ...
dieses lied umgab ein grosses geheimnis:
es war in keinem liederbuch zu finden.
niemand wusste, woher es kam und
wer den text gedichtet oder die melodie komponiert hatte.
und den verborgenen sinn mancher textzeilen
konnten wir nur erahnen.
und es war unser geheimnis:
es war allein unser lied, das lied von dj.1.11,
nur wir kannten es,
und wir bewahrten es in unseren köpfen.
niemand durfte den text aufschreiben,
damit der nicht in falsche hände geriete,
und keinesfalls durfte das lied an fremde
weitergegeben werden.
heute ist diese tradition vergessen:
das lied steht bereits im internet,
und es ist wohl an der zeit,
nun sein geheimnis zu ergründen und aufzudecken.
denn es war zu recht
unser feierlichstes lied1:
das lied
"verlasst die tempel fremder götter"
war das bundeslied der alten dj.1.11 und
wurde so, wie wir es heute kennen,
im widerstandskampf gegen hitler gesungen
in jener finsteren zeit nach 1933,
als das nazi-regime
alle bündischen jugendgruppen verboten hatte.
die dj.1.11-horten waren
in den untergrund abgetaucht und lebten nun illegal,
verboten und verfolgt, im verborgenen weiter.
und die noch zu unserer zeit
lebendige tradition,
das lied nie an aussenstehende weiterzugeben
und den text nicht mal für sich aufzuschreiben,
gehörte nun zu
den konspirativen regeln,
mit denen die gruppen sich gegen durchsuchungen
und gestapo-spitzel schützen mussten2.
und natürlich durfte niemand wissen,
wer text und melodie dieses
rebellischen liedes verfasst hatte;
ihre namen sind bis heute unbekannt.
die verfolgten gruppen lernten rasch,
unter illegalen bedingungen weiterzuleben.
man musste sich nun heimlich zum hortenabend treffen,
immer auf der hut vor polizei, gestapo und denunzianten.
man ging auch auf fahrt, einzeln und unauffällig,
traf sich erst tief im wald und
baute dort die schwarze kohte auf,
die bei tage kaum auffiel
und nachts
den feuerschein und die gespräche und gesänge
so gut nach aussen abschirmte.
und in diesem kleinen kreis,
rund ums kohtenfeuer,
war man wieder unter sich,
in seiner eigenen freien, autonomen welt:
man las aus den verbotenen büchern vor,
sang die alten jungenschaftslieder
und beriet, was
gegen die immer aggressiver auftretende
hitlerjugend zu tun sei
und manches alte lied
bekam nun einen ganz neuen sinn,
so auch dieses trotzige,
kämpferische lied
3:
verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt.
das schwert will blut, doch rost frisst schwerter,
und über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und seine grossen kameraden.
unser geschrei erschreckt die täler,
und unsre lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher
hinterher, hinterher, bis ans meer
zu unsern grossen kameraden.
wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen,
und jeder spricht: das ist gerecht,
ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.
dann wird getanzt und toll gesungen,
graues panier wird stumm bewacht.
hoch unser land, hoch seine jungen,
dj.1.11, hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsre grossen kameraden.
wer kann sich heute noch in diese zeit hineindenken?
der faschistische machtapparat
beherrschte das ganze volk, bis in seine gedanken hinein:
schule und hitlerjugend,
die gesamte arbeitswelt,
jede freizeitbetätigung
alles war militärisch durchorganisiert,
überall gab es kleine führer,
die ihre gefolgschaft herumkommandierten,
überall galt das prinzip von befehl und gehorsam
und wehe dem, der aus der reihe tanzte!
und doch gab es hier und da noch kleine gruppen von jungen,
die den mut aufbrachten,
sich der allgegenwärtigen faschistischen machtmaschine
zu widersetzen, die nach ihren eigenen vorstellungen leben
wollten
und der nazi-ideologie eine klare absage erteilten:
verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt.
ihre gruppen wurden verfolgt,
aber sie setzten sich zur wehr:
gestapo und hitlerjugend hatten
ihnen den krieg erklärt und, bildlich gesprochen,
"das schwert" gezogen
und bekämpften sie buchstäblich bis aufs "blut"
aber schwerter verrosten!
mochten die verfolger noch so brutal vorgehen,
es würde ihnen nichts nutzen:
das schwert will blut,
doch rost frisst schwerter4
denn wirklich entscheidend ist letztlich nur "die hand",
die eigene tat, der beitrag eines jeden
zur verwirklichung des grossen gemeinsamen zieles:
und über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land,
für unsre grossen kameraden5.
das land, das "land der jungen"
das war das grosse ziel von dj.1.11 gewesen:
alle deutschen jungenbünde sollten sich
in einer einzigen grossen "jungenschaft"
vereinen und sich ihr eigenes reich, ihr
autonomes "jungenland" erkämpfen,
in dem sie frei und selbstbestimmt leben und lernen,
alles ausprobieren,
althergebrachtes verbessern
und überraschend neues entwickeln könnten
eine ganz neue jugendkultur wollten sie schaffen,
und eine woge jugendlicher kreativität
würde von hier ausströmen
und das kulturelle leben des ganzen volkes
durchdringen und bereichern6.
diese idee lebte auch in den
versprengten, verfolgten
dj.1.11-horten im untergrund
noch fort.
jedes mal, wenn die horte im verborgenen zusammenkam,
erlebten sie ja ein kleines stück davon.
aber ein wirklich freies,
jugendgemässes, selbstbestimmtes
und selbstverantwortliches leben
würden sie erst führen können,
wenn sie sich ihr "jungenland" erkämpft hätten.
eine vision wurde beschworen:
alle im verborgenen lebenden dj.1.11-kameraden
würden eines tages aufstehen und sich vereinen
zu einer mächtigen streitmacht und
hitlers staatsjugend in die flucht schlagen:
unser geschrei erschreckt die täler,
und unsre lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher
hinterher, hinterher, bis ans meer
zu unsern grossen kameraden.
ganz deutschland,
bis hinauf ans meer, würde man
von der hitlerjugend befreien
und natürlich den braunen jungs
die blaue jungenschaftsbluse ausziehen:
wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen,
und jeder spricht: das ist gerecht,
ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.
hatten die nazis doch die frechheit gehabt,
dj.1.11 zu verbieten,
aber die schicke blaue dj.1.11-jungenschaftsbluse
als uniform für das "jungvolk"
ihrer hitlerjugend7
zu verwenden
aber jetzt würde
"jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen",
weil die nazi-jugend kein recht hatte,
die jungenschaftsbluse zu tragen8;
und wenn die "jungvolk"-pimpfe, diese "schlechten hunde",
die ständig den untergetauchten
dj.1.11-horten nachschnüffelten und sie bespitzelten,
um sie bei der gestapo zu denunzieren
und sie ins gefängnis zu bringen
oder ins konzentrationslager ...
wenn die dabei ein paar blaue flecken abbekämen,
so wäre das nur gerecht.
und dann endlich könnten sie sich vereinen,
alle die grossartigen, "grossen kameraden" der jungenschaft,
um das freie, autonome "jungenland" zu errichten
unter dem rotgrauen panier von dj.1.11:
dann wird getanzt und toll gesungen,
graues panier wird stumm bewacht.
hoch unser land, hoch seine jungen,
dj.1.11, hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsre grossen kameraden.
auch wenn es zu diesem grossen aufstand der jungenschaft
gegen die hitlerjugend
nie gekommen ist
und das autonome "jungenland"
ein traum, eine ferne utopie blieb
die jungen haben ihren kampf
für ein freies, selbstbestimmtes leben
nie aufgegeben.
und dieses lied hat sie dabei bestärkt.
das lied ist kämpferisch
in einer zeit, da die meisten kämpfer
schon verstummt waren.
das lied benennt den feind und macht mut,
ihm tag für tag die stirn zu bieten.
das lied bekräftigt die entschlossenheit, den eigenen
lebensstil zu verteidigen und sich nicht unterkriegen
zu lassen.
das lied vermittelt selbstbestätigung, selbstbewusstsein,
kampfgeist
und jenen unbeugsamen widerstandswillen,
mit dem viele dj.1.11-er dem nazi-regime
und seinen häschern und henkern getrotzt haben.
-
dem hitler-regime ist es nie gelungen,
den widerstand der bündischen jugendgruppen
wirklich zu zerschlagen.
dreimal muss ein gesetzliches verbot ausgesprochen
werden:
1933, 1937 und nochmal 1939, und
fast jedes jahr findet eine grossrazzia statt:
1934 fahndet die gestapo im ganzen reich
gezielt nach dj.1.11-gruppen,
die insgeheim die hitlerjugend unterwandern
und von innen heraus verändern wollen9;
1935 durchkämmen sa-kommandos
im rheinland jedes pfingstlager
und arrestieren alle bündischen gruppen;
in zwei grossen verhaftungswellen, 1936/37 und 1939/40,
nimmt die gestapo tausende von jugendlichen fest,
viele werden zu gefängnis, zuchthaus, konzentrationslager,
einige auch zum tode verurteilt,
und viele überleben die gestapo-verhöre
und die kz-haft nicht
und doch leben die gruppen im untergrund weiter,
halten kontakt untereinander,
führen politische schulungen durch,
fahren ins ausland
und schleusen illegales schrifttum ein,
das sie hier verbreiten.
-
wir kennen nur wenige namen
aus dem heute fast vergessenen widerstand
der jugendgruppen,
zumeist nur die namen aus den gestapo- und gerichtsakten.
da deckt die gestapo zum beispiel 1937
in ulm eine illegale jungenschaftsgruppe auf,
und der dj.1.11-er hans scholl
kommt vor gericht und für fünf wochen
ins gefängnis,
-
und im sommer 1942 begründet derselbe hans scholl
mit willi graf, der aus
einer christlich orientierten jungenschaft kommt,
und mit seiner schwester sophie
und einigen anderen studenten in münchen
die widerstandsgruppe "weisse rose",
die es wagt, massenhaft flugblätter
gegen das nazi-regime zu verteilen
und "NIEDER MIT HITLER" metergross
an die wände zu schreiben.
-
so wie sie haben wohl viele junge menschen
die politische dimension des widerstandskampfes
erst erkannt, als sie aus den jugendgruppen
herausgewachsen waren.
aber ihre entschlossenheit zum widerstand
brachten sie von dort mit,
und in allen bedeutenden widerstandskreisen,
die sich im dritten reich gegen das hitler-regime bildeten,
arbeiteten sie mit,
und oft waren gerade sie die führenden köpfe
ihrer widerstandsgruppen:
helmuth v.moltke vom "kreisauer kreis"10,
hans scholl und willi graf von der "weissen rose"11,
harro schulze-boysen von der "roten kapelle"12 und
claus v.stauffenberg von der gruppe des 20.juli13
stehen hier stellvertretend
für die vielen tausend anderen,
unerkannt und unbekannt gebliebenen
widerstandskämpfer aus der jugendbewegung.
ihren mut, ihre entschlossenheit
zum widerstand reflektiert unser lied:
aus diesem geist wurde es geboren,
und diesen geist gab es bekräftigend zurück,
so oft es gesungen wurde.
und wer das lied heute singt,
erweckt ihn zu neuem leben:
den geist
dieser jungen, jugendlichen widerstandskämpfer,
die selbst unter einem rücksichtslosen,
menschenverachtenden terror-regime
den widerstand gegen unrecht und unterdrückung mutig gewagt
und den kampf
für ein freies, selbstbestimmtes, menschenwürdiges leben
entschlossen geführt haben.
singen wir also dieses weithin unbekannte lied,
und erzählen wir seine geschichte,
damit die welt es auch versteht
und von dem nahezu vergessenen
widerstandskampf der jungen menschen
in deutschland gegen das hitler-regime
erfährt14:
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verlasst die tempel fremder götter
lied der deutschen autonomen jungenschaft dj.1.11
aus dem widerstandskampf gegen das hitler-regime
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verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt.
das schwert will blut, doch rost frisst schwerter,
und über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und seine grossen kameraden.
unser geschrei erschreckt die täler,
und unsre lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher
hinterher, hinterher, bis ans meer
zu unsern grossen kameraden.
wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen,
und jeder spricht: das ist gerecht,
ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.
dann wird getanzt und toll gesungen,
graues panier wird stumm bewacht.
hoch unser land, hoch seine jungen,
dj.1.11, hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsre grossen kameraden.
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anmerkungen:
1
das lied "verlasst die tempel fremder götter"
war das geheime bundeslied von dj.1.11,
es wurde nur zu besonderen anlässen gesungen,
nirgends schriftlich niedergelegt und nie
veröffentlicht.
daher lässt sich heute nur vermuten,
wann genau das lied entstanden ist und
wie der ursprüngliche text lautete.
vermutlich entstand es im herbst 1931,
nachdem der versuch von dj.1.11,
als keimzelle jungenschaftlicher lebensform
die grossen bünde der weimarer zeit
von innen heraus zu revolutionieren,
erst in der "deutschen freischar" und nun auch
im "deutschen pfadfinderbund" gescheitert war.
jetzt verfolgte dj.1.11
mit der "rotgrauen aktion"
(s. anmerkung 6)
eine ganz neue strategie
zur schaffung der einen grossen "deutschen jungenschaft",
und das lied
"verlasst die tempel fremder götter",
das den siegeszug dieser idee
in einer euphorischen vision vorwegnimmt,
wurde nun zum programmatischen bundeslied.
im herbst 1931 wird das lied
(im dj.1.11-rundbrief "rakete" nr.79/6.10.1931)
zum ersten mal erwähnt,
und im folgenden jahr bekräftigte
dj.1.11-bundesführer eberhard koebel
(tusk, in "das grosse lager", 1932)
seine "siegesgewissen gedanken"
über den endgültigen erfolg der jungenschaftsidee
mit einem vier-zeilen-zitat aus der zweiten liedstrophe
dies ist bis heute der einzige greifbare hinweis auf
die urform des liedes,
das damals möglicherweise nur aus
jenen drei strophen bestand, die sich in ihrer schlusszeile
alle auf den "grossen kameraden"
(s. anmerkung 5) beziehen.
im sommer 1933, nach dem verbot
aller bündischen und jungenschaftlichen gruppen
durch das nazi-regime,
wurde das dj.1.11-bundeslied zum kampflied gegen die hitlerjugend,
und für alle,
die sich in den folgenden zwölf jahren
trotz unterdrückung und verfolgung
den dj.1.11-horten im untergrund
anschlossen, war es überhaupt nur noch dies:
das lied ihres widerstandskampfes.
sehr wahrscheinlich wurde der ursprüngliche text
den neuen kampfbedingungen angepasst
und im laufe der jahre mehrmals verändert,
und die dritte strophe
mit ihrer scharfen, eindeutig gegen das nazi-"jungvolk"
gerichteten kampfansage wurde wohl erst jetzt
in das lied eingefügt.
zweifellos ist das lied in seiner heutigen form
geprägt durch den zwölfjährigen
widerstandskampf der dj.1.11 gegen das nazi-regime,
und in diesem sinne wird es hier auch gedeutet.
2
die geheimhaltung war
auch in zeiten der verfolgung
nicht lückenlos.
so wird von dem liederblatt
einer illegalen wiener jungenschaftsgruppe
der kriegsjahre berichtet, das dieses lied enthielt.
nach der befreiung schrieben einzelne horten
das lied freimütig in ihre
für den gruppeninternen gebrauch
hektographierten liederhefte,
so die leonen-horte in hannover in
"lieder der leonen" (1946).
für viele andere dagegen blieb die konspirative tradition
auch weiterhin untrennbar mit diesem lied verbunden
und war noch in den sechziger jahren
in allen mir bekannten horten üblich.
3
der hier mitgeteilte text
orientiert sich an den
ältesten bisher erreichbaren textaufzeichnungen:
textaufzeichnung von 1946
in "lieder der leonen" (s. anmerkung 2):
verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert will blut, der rost will schwerter,
doch über allem herrscht die hand,
deine hand, deine hand für das land
und seine grossen kameraden.
unser geschrei erschreckt die täler
und unsere lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher.
hinterher, hinterher bis ans meer,
zu unseren grossen kameraden.
wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue kluft entrissen,
ein jeder spricht, das ist gerecht,
ganz gerecht, ganz gerecht, ganz gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.
(die vierte strophe wurde auch
in der leonen-horte gesungen,
sie fehlt aber in ihrem textheft)
|
textaufzeichnung von 1947
von heinrich steinhöfel (heinpe):
verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert will blut, der rost will schwerter.
doch über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und seinen grossen kameraden.
unser geschrei erschreckt die täler
und unsre lungen atmen schwer
vom staub der flüchtigen armeen
dj.1.11 jagt hinterher!
hinterher, hinterher, bis ans meer
zu unserm grossen kameraden.
wenn wir an ihrer seite reiten
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen
und jeder spricht: es ist gerecht!
ist gerecht, ist gerecht, ist gerecht
denn schlechte hunde muss man schlagen.
dann wird getanzt und toll gesungen
graues panier wird stumm bewacht
hoch unser land; hoch seine jungen,
dj.1.11 hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsern grossen kameraden.
|
textaufzeichnung
von erich scholz (olka):
verlasst die tempel fremder götter,
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt,
das schwert frisst blut, doch rost frisst schwerter,
und über allem herrscht die hand
deine hand, deine hand für das land
und für den grossen kameraden.
unser geschrei erschreckt die täler,
und unsere lungen gehen schwer
vom staub der flüchtigen armeen,
dj.1.11 jagt hinterher.
hinterher, hinterher bis ans meer,
für unsern grossen kameraden.
wenn wir an ihrer seite reiten,
wird jedem feind im nahgefecht
die blaue uniform entrissen,
ein jeder spricht, das ist gerecht!
unser recht, ganz gerecht, ganz gerecht,
denn schlechte hunde muss man schlagen.
dann wird getanzt und toll gesungen.
graues panier wird stumm bewacht.
hoch unser land, hoch seine jungen,
dj.1.11, hoch seine macht.
jeden tag, jede nacht, jede schlacht
für unsern grossen kameraden.
|
die unterschiede dieser textfassungen untereinander
weisen darauf hin, dass
der wortlaut bei der zwölfjährigen,
fast ausschliesslich mündlichen weitergabe
unter illegalen bedingungen
immer wieder leicht verändert worden ist.
all diese verschiedenen textversionen können,
jede auf ihre art,
als authentisches erbe
aus der zeit des widerstandskampfes gelten:
den einen, allein richtigen text dieses liedes
gibt es nicht.
4
die bildersprache dieser zeile
wurde immer wieder unterschiedlich interpretiert
und besonders vielfältig variiert.
folgende versionen sind überliefert:
"das schwert will blut, der rost will schwerter"
(aus hannover, 1946),
"das schwert frisst blut, der rost frisst schwerter"
(aus pirmasens, ca. 1948),
"das schwert frisst blut, doch rost frisst schwerter"
(s. anmerkung 3, text von olka),
"der rost verdirbt die besten schwerter"
(1948),
"das schwert will blut, das blut will schwerter"
(aus bochum, ca. 1960),
"das schwert will blut, das korn will schnitter"
(aus dortmund, ca. 1960) ...
5
"der grosse kamerad" ist, in dem gleichnamigen roman
von alain-fournier, ein fünfzehnjähriger junge,
der über alle regeln und konventionen hinweg
seinen eigenen weg geht und
in einem phantastischen erlebnis das abenteuer
seiner jugend findet
ein "vorauseilender", "selbsterringender",
so wie ein jungenschaftler sein sollte.
eberhard koebel (tusk, in "lagerfeuer", mai 1931)
empfahl der dj.1.11 dieses buch
über den "grossen kameraden",
den "ungestümen älteren freund", der
jüngere "mit grossem vorbild beunruhigt
und zum schnellen wachstum getrieben" hat.
die liedzeilen über "den grossen kameraden"
(s. anmerkung 3, textaufzeichnung von 1947)
mögen sich also ursprünglich
auf eine solche idealgestalt bezogen haben,
und so wurde das lied auch in einigen dj.1.11-horten
durch die jahre der illegalität bis in unsere tage
überliefert, denn
noch um 1960 sangen wir:
"... für unsern grossen kameraden"
wir dachten dabei an eine idealisierte jungenschaftler-gestalt,
an unser besseres ich, vielleicht auch an tusk,
oder an romin, den
jungen stuttgarter hortenführer,
der im sommer 1930 in den alpen
tödlich verunglückt war,
als er vorauseilend einen weg für seine horte suchte,
an einem geröllhang abrutschte
und in eine schlucht stürzte.
sein tod hat damals die ganze dj.1.11 tief bewegt,
und mancher jungenschaftler aus jener zeit
ist noch heute überzeugt,
dass nur romin mit "dem grossen kameraden"
gemeint sein konnte.
doch in der anderen, ebenfalls
aus dem widerstand überlieferten textfassung
(s. anmerkung 3, textaufzeichnung von 1946),
wird "kameraden" als mehrzahlbegriff gebraucht:
"kameraden" war die übliche anrede
in der alten dj.1.11
und umfasst hier offenbar
die gemeinschaft aller jungenschaftler.
sie deutet an,
dass der widerstand des einzelnen
und seiner im untergrund vereinzelten,
auf sich allein gestellten horte
stets eingebettet war in den solidarischen
widerstandskampf aller jungenschaftler
wichtiger als die individuelle selbstverwirklichung
hin zum leuchtenden vorbild "des grossen kameraden"
war nun, in der zeit von verfolgung und widerstand,
die verschworene kampfgemeinschaft, die solidarität
"der grossen kameraden" geworden.
erst nach dieser umdeutung
muss die dritte strophe eingefügt worden sein,
die sich mit ihrer ersten zeile
"wenn wir an ihrer seite reiten ..."
nur auf "die grossen kameraden" beziehen kann.
6
dj.1.11 hatte im sommer 1931 die
"rotgraue aktion" gestartet mit dem ziel,
alle deutschen jungen
in der einen autonomen "deutschen jungenschaft"
zu vereinen. auf die strasse, in die schulen und sportvereine
und besonders in die jugendbünde wollte man gehen
und für den grossen zusammenschluss werben.
jeder bund sollte darin seine eigenart bewahren,
aber bereichern durch den neuen jungenschaftlichen lebensstil.
dazu gehörte, als gemeinsame kluft,
die dunkelblaue jungenschaftsbluse.
7
mit der einführung der jungenschaftsbluse
als "jungvolk"-uniform
und der bezeichnung "jungenschaft"
für ihre "jungvolk"-gruppen
griff die nazi-führung zum schein
die idee der "rotgrauen aktion" von dj.1.11 auf,
um ihr "jungvolk"
als die ersehnte grosse, vereinte jungenschaft darzustellen.
wenn sie jetzt noch den legendären
dj.1.11-führer eberhard koebel (tusk, 1907-1955)
als "reichsjungvolkführer" hätte
präsentieren können,
wäre die täuschung perfekt
und der letzte widerstand der bündischen jugend
wohl bald gebrochen.
also wurde tusk
im januar 1934 von der gestapo verhaftet
und mit allen mitteln,
von versprechungen bis hin zu morddrohungen, bearbeitet,
um ihn für eine mitarbeit zu gewinnen.
doch tusk weigerte sich und
entkam dem gestapo-terror schliesslich
nur dadurch, dass er sich in seiner zelle
die pulsadern aufschnitt, ins staatskrankenhaus kam
und sich dort aus dem fenster stürzte:
lebensgefährlich verletzt,
wurde er gegen hohe kaution
seiner mutter zur pflege übergeben.
in der mordnacht des 30.juni 1934,
in der hitler seinen sa-stabschef röhm
und insgesamt 1700 oppositionelle durch die ss ermorden liess,
sollte auch tusk abgeholt werden.
doch das ss-kommando
fand die wohnung seiner mutter leer.
tusk war bereits in stockholm.
rechtzeitig gewarnt,
war er drei wochen vorher
mit hilfe von dj.1.11-freunden unerkannt
nach sassnitz auf rügen gelangt,
wo er als urlauber getarnt
ein schwedisches fährschiff besteigen konnte.
als sein schweden-visum im oktober 1934 ablief,
fand er aufnahme in england, wo er bis 1948 lebte.
8
die dritte strophe muss in den jahren 1933 bis 1936
entstanden sein, denn nur in dieser zeit
trug das "jungvolk" die jungenschaftsbluse.
ende 1936 wurde der hj-dienst
für alle jugendlichen zur gesetzlichen pflicht,
und nun bekam auch das "jungvolk"
eine neue uniformjacke von mehr soldatischem zuschnitt.
in den horten unserer zeit war auch die textversion
"die braune uniform entrissen" bekannt
offenbar eine ab 1937 gesungene textanpassung,
die nun die gesamte hitlerjugend einschloss.
9
die unterwanderung der hitlerjugend war 1933 erklärte strategie
von dj.1.11,
hatte im "jungvolk" auch einige bemerkenswerte erfolge
(vgl. anmerkung 11),
wurde aber von der gestapo scharf verfolgt und
weitgehend schon 1934, endgültig aber wohl 1938
aufgegeben
die dj.1.11-horten zogen sich
zurück, hielten kontakt untereinander
und bauten zusammen mit anderen jungenschaftlichen gruppen
untergrund-netzwerke auf,
die bis ins ausland reichten:
ein forum für ihre berichte und diskussionen
fanden sie in der zeitschrift "kameradschaft",
die theo hespers in holland herausgab,
und das bis berlin, hamburg und münchen
verzweigte untergrund-netz "sozialistische nation"
erhielt aus paris von karl o. paetel
anregungen und material für politische
diskussionen und schulungen.
10
helmuth james v.moltke (1907-1945),
leiter des "kreisauer kreises",
hatte in engem kontakt zur "deutschen freischar" gestanden;
auch weitere führende persönlichkeiten
dieser widerstandsgruppe
wie adolf reichwein, alfred delp,
eugen gerstenmaier,
carl dietrich v.trotha,
otto heinrich v.d.gablentz und andere
kamen aus der jugendbewegung
der weimarer zeit.
11
hans scholl (1918-1943) trat im oktober 1933,
zunächst begeistert
vom forschen schwung der neuen bewegung,
in ulm in die hitlerjugend ein.
doch der "jungvolk"-führer von ulm
war in wirklichkeit ein dj.1.11-er,
der die nazi-jugend ganz
im freiheitlichen, jungenschaftlichen stil erzog
und weitere jungenschaftler seiner illegalen dj.1.11-horte
als unterführer einsetzte.
hans scholl, inzwischen angewidert von dem hohlen pathos
und dem stumpfen drill in der hitlerjugend, wurde bald
in die untergrund-dj.1.11 von ulm aufgenommen
und wurde führer einer "jungvolk"-gruppe von zehn schülern,
die sich bald auch illegal als eigene dj.1.11-horte traf,
bis sie 1937 von der gestapo aufgedeckt wurde
und hans scholl wegen "fortsetzung der bündischen jugend"
vor gericht kam.
willi graf (1918-1943)
kam aus dem katholischen bund "neudeutschland"
und schloss sich dem illegalen,
jungenschaftlich geprägten katholischen "grauen orden" an,
hatte zudem bis 1939 kontakt zu dj.1.11-gruppen in bonn.
12
harro schulze-boysen (1909-1942) war
als jugendlicher im "jungdeutschen orden" und,
wie viele weitere mitglieder
der von ihm und arvid harnack geleiteten widerstandsorganisation,
stark durch die jugendbewegung beeinflusst.
1932 hatte er ein "treffen der revolutionären jugend europas"
organisiert und,
inspiriert von fred schmid (aus dem dj.1.11-nahen "grauen korps"),
die zeitschrift "der gegner" herausgegeben,
die 1933 verboten wurde.
auch danach hoffte er, aus den untergrund-gruppen
noch kräfte für den widerstand zu gewinnen.
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claus v.stauffenberg (1907-1944),
motor und kopf
des militärischen widerstands gegen hitler
und am ende auch selbst
der attentäter des 20.juli 1944,
war durch seine jugend
bei den bündischen "neupfadfindern"
geprägt bis hin zu deren vorliebe
für den dichter stefan george,
die stauffenberg zeitlebens teilte.
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das liederblatt mit noten und text,
hier grau unterlegt,
kann mit einem klick auf das "print"-symbol
am liederblatt-ende gesondert ausgedruckt werden.
die melodie ist so notiert, wie sie
in den dj.1.11-horten des hortenrings um 1960 gesungen wurde.
die grafik auf unserem liederblatt
ist von fritz stelzer (pauli) und
erschien in der dj.1.11-zeitschrift
"die kiefer" im juli 1933.
einen monat zuvor hatte die "reichsjugendführung"
allen nicht-nationalsozialistischen jugendgruppen
offiziell die daseinsberechtigung abgesprochen
und den berüchtigten hj-streifendienst eingerichtet,
um fortbestehende "bündische umtriebe"
auszuspähen und zu denunzieren.
dj.1.11 war gezwungen, in den untergrund zu gehen,
aber entschlossen, den kampf aufzunehmen
und hat ihn länger durchgestanden
als die mächtigen unterdrücker.
© kai kracht 2003 / 4. fassung
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