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dj.1.11 |
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dj.1.11
de-jot-eins-elf? ist das ein geheimcode? ein sprengstoff? ein neuer stern? nein. oder doch, von all dem etwas: "dj.1.11" war ein legendärer jugendbund, sprühend vor kreativität, absolut neu und schon im namen so ganz anders als "nerother wandervogel", "pfadfinderschaft st.georg", "deutsche freischar" und die anderen jugendbünde der zwanziger jahre. deutsche jungenschaft vom 1. 11. 1929
der volle name, der hinter
diesem geheimnisvollen kürzel steckt, sagt auch nur,
wann diese gruppe sich gründete und dass sie
bis zum verbot durch die nazis gerade noch drei jahre zeit hatte,
ein wahres feuerwerk an neuen ideen und orientierungen
zu entfachen, das die jugendbewegung bis heute prägt:
autonome jungenschaft dj.1.11 autonom dieses wort begeisterte uns: sich seine regeln selbst geben, seine eigenen massstäbe setzen, seine wege und ziele selbst bestimmen das war für uns der grund, uns gut zehn jahre nach dem ende der nazi-diktatur wieder "autonome jungenschaft dj.1.11" zu nennen. alle anderen bünde hatten vorgegebene ziele: die pfadfinder hatten ihr pfadfindergesetz zu erfüllen, konfessionelle jungscharen strebten dem himmelreich und völkische gruppen dem vierten reich entgegen, und die nerother wandervögel bauten die burg waldeck auf und ab und auf ... unsere dj.1.11 unsere dj.1.11 dagegen hatte kein bundesziel, nicht mal einen bund: jede horte, wie sich eine jungenschaftsgruppe nach alter dj.1.11-tradition nennt, lebte autonom und konnte, als sich um 1960 mehrere horten im rhein-ruhr-gebiet zu einem lockeren "hortenring" zusammenfanden, selbst entscheiden, ob sie sich da anschliessen wollte. die zugehörigkeit zu dj.1.11 regelte sich genau so zwanglos es gab keine mitgliederlisten oder aufnahme-rituale: als ich mein geregeltes pfadfinderleben aufgab, um als autonomer jungenschaftler meinen ganz eigenen weg zu finden, wickelte ich mir aus wolle eine rote und eine graue troddel, befestigte sie vorn am kragen meiner jungenschaftsbluse, und damit war ich dj.1.11-er; und als sich noch ein paar meiner freunde rot-graue troddeln an die juja hängten, waren wir eine horte. unsere horte einen hortenführer gab's bei uns nicht. alle waren gleichberechtigt und autonom in ihren entscheidungen. gab es zu einer frage verschiedene vorschläge, wurde diskutiert und abgestimmt, und die frage war entschieden. aufrichtigkeit, zuverlässigkeit und solidarität waren die selbstverständliche grundlage unseres hortenlebens. wer dagegen verstiess, konnte bös was erleben. aber darüber hinaus war jeder frei zu tun, was er für richtig hielt. die toleranz selbst gegenüber extravaganzen war gross, und bunte vielfalt wurde immer begrüsst hauptsache: originell und individuell. einmal die woche trafen wir uns zum hortenabend und oft auch noch ausser reihe zu öffentlichen singeabenden, filmen oder konzerten, und jedes wochenende, sommer wie winter, gingen wir auf fahrt: in zweiergruppen trampten wir zu einem verabredeten ziel, bauten dort unsere kohte auf, sammelten eine menge holz für die lange nacht, und wenn es dunkelte, lagerten wir uns im kreis um das kohtenfeuer, über dem schon der tschaj im kessel summte. "tschaj" bedeutet eigentlich "tee", und der war möglicherweise auch drin, wichtiger aber waren etliche flaschen rotwein und allerhand gewürze, nelken und kaneel, rosinen und andere früchte da hatte jede gruppe ihr eigenes rezept. das kam alles zusammen in den grossen hordentopf, wurde heiss getrunken und hielt uns, selbst als unsere kohte silvester im sauerland im mannshohen schnee stand, rund ums kohtenfeuer warm und munter. nach den strapazen und abenteuern des tages war dies immer wieder die grosse stunde unserer gemeinschaft: mit den besten freunden der welt, mit denen man durch dick und dünn gehen und auch schon mal pferde stehlen konnte, die man in- und auswendig kannte und die einen doch immer wieder überraschten und zum lachen oder zum nachdenken brachten, ums kohtenfeuer herum sitzen, in die flammen schauen und träumen, oder zuhören, wenn jemand was vorlas oder erzählte, oder wenn einer seine balalaika nahm und leise etwas spielte, mitsummen, mitsingen, zu gitarre, trommel, tamburin und banjo greifen und mitspielen, bis der stille, nächtliche wald erbebte vom gesang aus allen kehlen. unser singen das singen spielte bei uns eine grosse rolle. jeder hatte irgendein instrument im gepäck, und fast jeder spielte gitarre, oft auch noch balalaika, ukulele, banjo. die instrumente wurden in der kohtenrunde herumgereicht, spieltechniken wurden ausgetauscht, und mit den rhythmusinstrumenten war sowieso jeder dabei. wir kannten eine unmenge von liedern, viele davon waren, in guter dj.1.11-tradition, ausländischer herkunft und wurden nur in ihrer heimatsprache gesungen. einige waren genau arrangiert und wurden stets akkurat mit instrumentalem vor- und nachspiel oder im wechselgesang von vorsänger und chor zelebriert, die meisten aber wurden spontan mehrstimmig gesungen und improvisierend instrumentiert. darin waren wir wirklich gut. schliesslich sollte unser singen in unserer einsamen kohte vor allem uns selbst gefallen. und wenn wir mal in eine jugendherberge kamen, in der wir noch kein hausverbot hatten, stachen wir natürlich alle anderen gruppen aus. mit unserem singen stellten wir uns dar und machten allen klar, dass wir eine unschlagbare truppe waren. unsere autonomie wir waren schon ein wüster haufen. autonom hiess ja auch: sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. wer uns in unsere selbstgewählte und selbstgestaltete lebensform hineinreden wollte, musste schon gute argumente vorbringen, um uns nachdenklich zu machen; wer uns nur mit "das tut man nicht", mit verboten, gesetzen und vorschriften kam, die er uns nicht plausibel begründen konnte, wurde einfach ausgelacht. natürlich eckten wir dauernd damit an, provozierten auch schon mal und suchten die konfrontation, und ständig fochten wir konflikte mit eltern, ausbildern und lehrern, jugendherbergsvätern, förstern oder polizisten aus. wir erlitten niederlagen, kriegten prügel, hausarrest, jugendherbergsverbot und strafanzeigen aber wir liessen uns nicht kleinkriegen: dieses leben war unser leben, und das wollten wir selbst bestimmen. die moralvorstellungen und konventionen der erwachsenen hatten wir komplett über bord geworfen und liessen nichts gelten, das wir nicht selbst für gut befanden. unser feierlichstes lied begann:
glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt ...
wir wollten frei und selbstbestimmt leben, wie die kosaken
entlaufene leibeigene,
die sich einst am rande des zarenreiches
eine anarchisch-fröhliche
republik geschaffen hatten und diese ständig
nach allen seiten verteidigen mussten.
wir haben "dj.1.11 gelebt" wir sind in die fussstapfen der alten dj.1.11 getreten und haben bewusst in ihrer tradition gelebt. was immer wir von ihrem schrifttum aufstöbern konnten, wurde in der kohtenrunde vorgelesen, herumgereicht und diskutiert. manches in den alten schriften wirkte antiquiert, und fotos von brav gescheitelten dj.1.11-ern, mit koppel und schulterriemen über der jungenschaftsbluse in reih und glied vor ihrem hortenführer angetreten, machten uns die tiefe kluft bewusst zu jener fernen zeit vor hitler und seinem weltkrieg ... wir aber, die wir immer noch zwischen den ruinen dieses krieges lebten, waren gründlich geheilt von dem glauben an führer, soldatische tugenden und militärischen firlefanz. unsere antwort auf die lehren der geschichte war unsere herrlich freie, nichts und niemand höherem als uns selbst verpflichtete "autonome jungenschaft dj.1.11". andererseits war uns vieles, was wir über die alte dj.1.11 erfuhren, auch sehr wertvoll und sagte uns etwas für unser heutiges leben, und was immer von bleibendem wert schien, wurde abgeschrieben in ein ledergebundes buch, das oft die runde machte und wieder und wieder gelesen wurde. aber wir sind auch weitergegangen und haben das getan, wozu die 1933 zerschlagene dj.1.11 kaum noch zeit gehabt hatte: wir haben "dj.1.11 gelebt" und ihre guten traditionen auf unsere weise mit prallem leben erfüllt:
die auslandsfahrten
jedes jahr im sommer, fernab der üblichen touristenrouten,
waren der höhepunkt unseres hortenlebens:
unser schaffensdrang
war unbändig:
unsere kohte, unsere instrumente waren bemalt,
unsere dicken liederbücher
selbst gebunden, robust in leder oder fell, mit vielen
hundert handgeschriebenen liedertexten und illustrationen darin,
und unsere trinkbecher
waren eine sehenswerte sammlung von
kokosnussschalen, bambusrohren, kuhhörnern
und geschnitzten holzbechern in allen möglichen formen ...
die zen-philosophie
haben wir studiert und praktiziert,
soweit wir sie verstanden.
es gab damals kaum bücher über zen, aber
was wir fanden, lasen wir in der kohtenrunde vor,
besonders "zen in der kunst des bogenschiessens":
wir nahmen bogen und pfeile mit auf fahrt,
übten und
suchten den moment zu erspüren, wo "es" schiesst.
politisches engagement
reizte uns nicht in der
von kaltem krieg und restauration geprägten stagnation
der letzten fünfziger jahre:
das wichtigste
aber ist wohl:
wir haben uns in unserer horte den freiraum erkämpft,
wo jeder seine persönlichkeit finden
und ausprägen konnte,
und wir haben uns gegenseitig gestärkt,
unsere individualität
auch im bürgerlichen leben durchzusetzen.
© Kai Kracht 2001 Englische Übersetzung: dj.1.11 |