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dj.1.11

de-jot-eins-elf? ist das ein geheimcode? ein sprengstoff? ein neuer stern? nein. oder doch, von all dem etwas: "dj.1.11" war ein legendärer jugendbund, sprühend vor kreativität, absolut neu und schon im namen so ganz anders als "nerother wandervogel", "pfadfinderschaft st.georg", "deutsche freischar" und die anderen jugendbünde der zwanziger jahre.

deutsche jungenschaft vom 1. 11. 1929

der volle name, der hinter diesem geheimnisvollen kürzel steckt, sagt auch nur, wann diese gruppe sich gründete – und dass sie bis zum verbot durch die nazis gerade noch drei jahre zeit hatte, ein wahres feuerwerk an neuen ideen und orientierungen zu entfachen, das die jugendbewegung bis heute prägt:

  • dj.1.11 erfand die "kohte", dieses heute bei allen gruppen so beliebte schwarze zelt mit einem rauchabzug oben, damit man drinnen ein "lagerfeuer im zelt" machen kann; jungenschaftler hatten am polarkreis die "koachta", das feuerzelt der lappen, kennengelernt und den namen wie die bauweise unseren breiten angepasst.
  • dj.1.11 erfand die schmucke "juja", die "jungenschafts-jacke", die heute zur kluft praktisch aller jugendgruppen gehört.
  • dj.1.11 durchbrach den national beschränkten horizont der bündischen jugend und öffnete den blick weltweit, machte abenteuerliche auslandsfahrten, begeisterte sich für japanische zen-philosophie und bereicherte das deutschtümelnde volksliedgeklampfe der bündischen gruppen durch frische songs und instrumente aus aller welt.
  • dj.1.11 setzte einen sachlich-knappen, herben sprachstil gegen die euphorisch-schwülstige blaue-blume-romantik der damaligen jugendbewegung und praktizierte eine sehr vernünftige rechtschreibreform: die radikale kleinschreibung.
  • dj.1.11 engagierte sich am ende auch politisch und beteiligte sich an demonstrationen und aktionen gegen den aufkommenden faschismus; ihr sprecher eberhard koebel (tusk) wurde 1934 von der gestapo verhaftet, entkam nach london und ging nach 1945, wie brecht, heym, seghers und andere antifaschisten, in die ddr; andere jungenschaftler leisteten aktiven widerstand, zum beispiel in dem kreis um die "weisse rose" der geschwister scholl.
  • dj.1.11 war – nach dem aufbruch der wandervögel um die jahrhundertwende und der bündischen jugend der zwanziger jahre – die dritte welle der deutschen jugendbewegung: der falke über den drei wellen.
und in dieser zeit, als deutschland sich nach aussen abschottete, als die deutschen begannen, sich als herrenmenschen zu fühlen und den rest der welt zu verachten, als auch viele der jugendbünde völkischen ideen erlagen und einige geschlossen in die hitlerjugend übertraten – in dieser zeit war dj.1.11 eine einzige rebellion gegen den sich immer spiessiger, immer engstirniger, immer chauvinistischer gebärdenden braunen zeitgeist.

autonome jungenschaft dj.1.11

autonom – dieses wort begeisterte uns: sich seine regeln selbst geben, seine eigenen massstäbe setzen, seine wege und ziele selbst bestimmen – das war für uns der grund, uns gut zehn jahre nach dem ende der nazi-diktatur wieder "autonome jungenschaft dj.1.11" zu nennen.

alle anderen bünde hatten vorgegebene ziele: die pfadfinder hatten ihr pfadfindergesetz zu erfüllen, konfessionelle jungscharen strebten dem himmelreich und völkische gruppen dem vierten reich entgegen, und die nerother wandervögel bauten die burg waldeck auf und ab und auf ...

unsere dj.1.11

unsere dj.1.11 dagegen hatte kein bundesziel, nicht mal einen bund: jede horte, wie sich eine jungenschaftsgruppe nach alter dj.1.11-tradition nennt, lebte autonom und konnte, als sich um 1960 mehrere horten im rhein-ruhr-gebiet zu einem lockeren "hortenring" zusammenfanden, selbst entscheiden, ob sie sich da anschliessen wollte.

die zugehörigkeit zu dj.1.11 regelte sich genau so zwanglos – es gab keine mitgliederlisten oder aufnahme-rituale: als ich mein geregeltes pfadfinderleben aufgab, um als autonomer jungenschaftler meinen ganz eigenen weg zu finden, wickelte ich mir aus wolle eine rote und eine graue troddel, befestigte sie vorn am kragen meiner jungenschaftsbluse, und damit war ich dj.1.11-er; und als sich noch ein paar meiner freunde rot-graue troddeln an die juja hängten, waren wir eine horte.

unsere horte

einen hortenführer gab's bei uns nicht. alle waren gleichberechtigt und autonom in ihren entscheidungen. gab es zu einer frage verschiedene vorschläge, wurde diskutiert und abgestimmt, und die frage war entschieden.

aufrichtigkeit, zuverlässigkeit und solidarität waren die selbstverständliche grundlage unseres hortenlebens. wer dagegen verstiess, konnte bös was erleben. aber darüber hinaus war jeder frei zu tun, was er für richtig hielt. die toleranz selbst gegenüber extravaganzen war gross, und bunte vielfalt wurde immer begrüsst – hauptsache: originell und individuell.

einmal die woche trafen wir uns zum hortenabend und oft auch noch ausser reihe zu öffentlichen singeabenden, filmen oder konzerten, und jedes wochenende, sommer wie winter, gingen wir auf fahrt: in zweiergruppen trampten wir zu einem verabredeten ziel, bauten dort unsere kohte auf, sammelten eine menge holz für die lange nacht, und wenn es dunkelte, lagerten wir uns im kreis um das kohtenfeuer, über dem schon der tschaj im kessel summte.

"tschaj" bedeutet eigentlich "tee", und der war möglicherweise auch drin, wichtiger aber waren etliche flaschen rotwein und allerhand gewürze, nelken und kaneel, rosinen und andere früchte – da hatte jede gruppe ihr eigenes rezept. das kam alles zusammen in den grossen hordentopf, wurde heiss getrunken und hielt uns, selbst als unsere kohte silvester im sauerland im mannshohen schnee stand, rund ums kohtenfeuer warm und munter.

nach den strapazen und abenteuern des tages war dies immer wieder die grosse stunde unserer gemeinschaft: mit den besten freunden der welt, mit denen man durch dick und dünn gehen und auch schon mal pferde stehlen konnte, die man in- und auswendig kannte und die einen doch immer wieder überraschten und zum lachen oder zum nachdenken brachten, ums kohtenfeuer herum sitzen, in die flammen schauen und träumen, oder zuhören, wenn jemand was vorlas oder erzählte, oder wenn einer seine balalaika nahm und leise etwas spielte, mitsummen, mitsingen, zu gitarre, trommel, tamburin und banjo greifen und mitspielen, bis der stille, nächtliche wald erbebte vom gesang aus allen kehlen.

unser singen

das singen spielte bei uns eine grosse rolle. jeder hatte irgendein instrument im gepäck, und fast jeder spielte gitarre, oft auch noch balalaika, ukulele, banjo. die instrumente wurden in der kohtenrunde herumgereicht, spieltechniken wurden ausgetauscht, und mit den rhythmusinstrumenten war sowieso jeder dabei.

wir kannten eine unmenge von liedern, viele davon waren, in guter dj.1.11-tradition, ausländischer herkunft und wurden nur in ihrer heimatsprache gesungen. einige waren genau arrangiert und wurden stets akkurat mit instrumentalem vor- und nachspiel oder im wechselgesang von vorsänger und chor zelebriert, die meisten aber wurden spontan mehrstimmig gesungen und improvisierend instrumentiert. darin waren wir wirklich gut. schliesslich sollte unser singen in unserer einsamen kohte vor allem uns selbst gefallen.

und wenn wir mal in eine jugendherberge kamen, in der wir noch kein hausverbot hatten, stachen wir natürlich alle anderen gruppen aus. mit unserem singen stellten wir uns dar und machten allen klar, dass wir eine unschlagbare truppe waren.

unsere autonomie

wir waren schon ein wüster haufen. autonom hiess ja auch: sich von niemandem etwas vorschreiben lassen. wer uns in unsere selbstgewählte und selbstgestaltete lebensform hineinreden wollte, musste schon gute argumente vorbringen, um uns nachdenklich zu machen; wer uns nur mit "das tut man nicht", mit verboten, gesetzen und vorschriften kam, die er uns nicht plausibel begründen konnte, wurde einfach ausgelacht.

natürlich eckten wir dauernd damit an, provozierten auch schon mal und suchten die konfrontation, und ständig fochten wir konflikte mit eltern, ausbildern und lehrern, jugendherbergsvätern, förstern oder polizisten aus. wir erlitten niederlagen, kriegten prügel, hausarrest, jugendherbergsverbot und strafanzeigen – aber wir liessen uns nicht kleinkriegen: dieses leben war unser leben, und das wollten wir selbst bestimmen.

die moralvorstellungen und konventionen der erwachsenen hatten wir komplett über bord geworfen und liessen nichts gelten, das wir nicht selbst für gut befanden. unser feierlichstes lied begann:

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"verlasst die tempel..."

    verlasst die tempel fremder götter,
    glaubt nicht, was ihr nicht selbst erkannt ...

wir wollten frei und selbstbestimmt leben, wie die kosaken – entlaufene leibeigene, die sich einst am rande des zarenreiches eine anarchisch-fröhliche republik geschaffen hatten und diese ständig nach allen seiten verteidigen mussten.
waren wir nicht auch entlaufene, dem kleinbürgerlichen mief, seiner heuchlerischen moral und seinen albernen zwängen entkommene, die, wann immer möglich, in die kleine autonome republik ihrer horte flüchteten?
da trugen wir kosakenblusen, kosakenstiefel, urige fellmützen, ellenlange fahrtenmesser und kosakenpeitschen. da sollte mal jemand kommen und uns unsere autonomie streitig machen!

wir haben "dj.1.11 gelebt"

wir sind in die fussstapfen der alten dj.1.11 getreten und haben bewusst in ihrer tradition gelebt. was immer wir von ihrem schrifttum aufstöbern konnten, wurde in der kohtenrunde vorgelesen, herumgereicht und diskutiert.

manches in den alten schriften wirkte antiquiert, und fotos von brav gescheitelten dj.1.11-ern, mit koppel und schulterriemen über der jungenschaftsbluse in reih und glied vor ihrem hortenführer angetreten, machten uns die tiefe kluft bewusst zu jener fernen zeit vor hitler und seinem weltkrieg ... wir aber, die wir immer noch zwischen den ruinen dieses krieges lebten, waren gründlich geheilt von dem glauben an führer, soldatische tugenden und militärischen firlefanz. unsere antwort auf die lehren der geschichte war unsere herrlich freie, nichts und niemand höherem als uns selbst verpflichtete "autonome jungenschaft dj.1.11".

andererseits war uns vieles, was wir über die alte dj.1.11 erfuhren, auch sehr wertvoll und sagte uns etwas für unser heutiges leben, und was immer von bleibendem wert schien, wurde abgeschrieben in ein ledergebundes buch, das oft die runde machte und wieder und wieder gelesen wurde.

aber wir sind auch weitergegangen und haben das getan, wozu die 1933 zerschlagene dj.1.11 kaum noch zeit gehabt hatte: wir haben "dj.1.11 gelebt" und ihre guten traditionen auf unsere weise mit prallem leben erfüllt:

die auslandsfahrten jedes jahr im sommer, fernab der üblichen touristenrouten, waren der höhepunkt unseres hortenlebens:
wir haben mit menschen in fremden ländern zusammengelebt, haben ihre mahlzeiten und unseren wein geteilt, haben zusammen gesungen und erzählt und gelacht und über alle kulturellen und ideologischen schranken hinweg herzliche freundschaften geschlossen,
wir haben die bräuche fremder kulturen kennengelernt und die sitten unserer eigenen kultur überdacht,
und immer wieder haben wir das abenteuer gesucht, unsere kraft und ausdauer auf die probe gestellt und manches mal das leben aufs spiel gesetzt – und jedesmal neu gewonnen.

unser schaffensdrang war unbändig: unsere kohte, unsere instrumente waren bemalt, unsere dicken liederbücher selbst gebunden, robust in leder oder fell, mit vielen hundert handgeschriebenen liedertexten und illustrationen darin, und unsere trinkbecher waren eine sehenswerte sammlung von kokosnussschalen, bambusrohren, kuhhörnern und geschnitzten holzbechern in allen möglichen formen ...
wir probierten alles aus und lernten tausend techniken: nähten unsere kosakenblusen selbst und bestickten die bunten borten, brannten bilder in holzbecher und trinkhörner, leimten unsere oft zerbrochenen gitarren, sägten ornamente aus edelstahl und löteten sie aufs koppelschloss, stanzten muster in leder, gravierten schwungvolle initialen aufs kochgeschirr, schnitzten figuren in pfeifenkopf und messerknauf ...
alles wurde verändert, alles sollte schöner werden, sollte vor allem unsere individualität widerspiegeln.

die zen-philosophie haben wir studiert und praktiziert, soweit wir sie verstanden. es gab damals kaum bücher über zen, aber was wir fanden, lasen wir in der kohtenrunde vor, besonders "zen in der kunst des bogenschiessens": wir nahmen bogen und pfeile mit auf fahrt, übten und suchten den moment zu erspüren, wo "es" schiesst.
uns beeindruckte, was wir als "zen-stil" begriffen: wortlos, mit kargen mitteln einen gewaltigen ausdruck erzielen – was da ausgedrückt wurde, blieb uns verborgen, und so waren unsere annäherungen an zen letztlich nur formale übungen. aber sie regten unsere kreativität enorm an: wir versuchten uns in tuschemalerei, kalligraphie, ikebana, zelebrierten die teezeremonie und begannen, karate zu lernen – eine um 1960 noch völlig unbekannte, von süddeutschen jungenschaftlern aus einem japanischen kloster mitgebrachte zen-kunst.

politisches engagement reizte uns nicht in der von kaltem krieg und restauration geprägten stagnation der letzten fünfziger jahre:
wir waren zu sehr mit uns selbst beschäftigt und unserem ständigen kampf gegen die verkalkten moralvorstellungen und autoritären strukturen der erwachsenenwelt, und noch fehlte die breite bewegung, die uns die politische dimension dieses kampfes hätte aufzeigen können.
aber als jahre später diese bewegung tatsächlich entstand und schliesslich in der 68-er revolution gipfelte, da traf ich bei den demonstrationen und kundgebungen viele wieder, die ich von unseren dj.1.11-lagern her kannte.

das wichtigste aber ist wohl: wir haben uns in unserer horte den freiraum erkämpft, wo jeder seine persönlichkeit finden und ausprägen konnte, und wir haben uns gegenseitig gestärkt, unsere individualität auch im bürgerlichen leben durchzusetzen.
und ein wesentlicher teil dieser persönlichkeit ist uns allen aufgeprägt durch den lebensstil unserer horte: einfach und aufrichtig, ohne pomp, heuchelei und selbstbetrug zu leben, sein geschick selbst in die hand zu nehmen und, ohne auf wunder zu hoffen, beherzt anzupacken, wo immer es not tut.

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© Kai Kracht 2001
Englische Übersetzung: dj.1.11