Mein Leben mit CMT
Dies ist mein persönlicher Bericht über mein Leben
mit dieser Krankheit. Er beschreibt in knappen Worten,
wie ich vor dem Auftreten von CMT lebte, wie die Krankheit
sich ankündigte, wie sie ausbrach und wie ich
heute mit dieser Krankheit zurechtkomme
eine Fallstudie, die
einen für CMT aussergewöhnlich
raschen und heftigen Krankheitsverlauf beschreibt,
aber im Hinblick auf die späte,
das Leben immer irgendwie verändernde Erkrankung
im Erwachsenenalter als exemplarisch gelten kann
für viele Menschen mit diesem speziellen Krankheitstyp CMT 2.
Anders als die vielen Menschen, bei denen sich diese
Krankheit schon im Kleinkindalter zeigt, hatte ich ein
"Leben vor CMT", denn die ersten vierzig Jahre meines Lebens
verliefen ganz normal: Kindergarten, Schule, Pfadfinder,
Studium ... und dann wieder Schule diesmal vor der Klasse,
als Lehrer, insgesamt fast drei Jahrzehnte lang.
Alles war so wie bei jedem anderen ausser vielleicht, dass
ich mich immer gerne engagierte und mir deshalb
in Schule, Gewerkschaft und
politischen Organisationen immer gleich
irgendwelche Arbeiten und Aufgaben,
Ämter und Funktionen übertragen wurden
und das gefiel mir: Ich war jung, interessiert,
aufmüpfig, und ich fühlte, dass ich viel mehr
Kraft besass, als ich je würde verbrauchen können.
Ich liebte Schwimmen und Paddeln und Skilaufen, Judo und
Karate, Wandern und Zelten; mit meiner Pfadfindergruppe
radelte ich über tausend Kilometer durch
Norddeutschland; ich trampte durch halb Europa, erstieg den
höchsten Berg des Balkan, kroch durch die Höhlenwelt
beim Drachenfels und schwamm am Neujahrstag durchs eisige
Wasser der Ruhr; in der 68-er Bewegung war ich dabei von
Anfang an, liess keine Demonstration aus und half
eine Partei zu gründen, die die revolutionären Ideen
dieser Bewegung politisch umzusetzen versprach;
als Lehrer absolvierte ich
in meiner Freizeit ein fünfjähriges Aufbau-Studium
zum Sonderschullehrer für Lernbehinderte und
Verhaltensgestörte, um auch ihnen zu helfen, ihren Platz
in der Gesellschaft zu finden ich liebte das Engagement, das
Abenteuer, das Risiko und die Herausforderung, meine Grenzen
zu erfahren.
CMT kündigt sich an
Als ich dann die Vierzig überschritten hatte,
passierten seltsame Dinge mit mir, für die ich zuerst
keine Erklärung fand:
"Wo ist bloss deine Kraft geblieben?", fragte ich mich,
als meine Arme eines Tages zu schwach waren, meinen Koffer
ins Gepäcknetz hochzustemmen.
"Was ist mit deinen Füssen los?", wunderte ich mich,
als ich mir dreimal in einem Jahr den Fuss verstauchte und
ihn mir im nächsten Jahr brach.
"Du wirst aber früh alt", sagte ich mir, als ich
plötzlich eine Brille brauchte und sich gleichzeitig
mein Gehör erheblich verschlechterte.
"Du arbeitest zu viel", dachte ich, weil ich mich immer
so müde fühlte und sogar dann einschlief, wenn ich
mit Gästen am Tisch sass.
"Dieser Strassenverkehr ist einfach zu hektisch für
dich geworden", musste ich mir eingestehen, nachdem ich
durch mangelnde Konzentration und zu langsames Reagieren ein
paar Mal fast einen Unfall verursacht hatte ...
Ich musste was unternehmen, das war klar: Zuerst trat ich
von meinen Ämtern und Funktionen zurück das tat
weh, denn seit 1968 war mein politisches Engagement mein
Leben gewesen. Dann gab ich das Autofahren auf und merkte,
wie kompliziert und eingeschränkt das Leben ohne Auto
sein kann. Und schliesslich reduzierte ich meine Stundenzahl
in der Schule das bedeutete weniger Einkommen, aber wir
schafften es, auch so zurechtzukommen.
CMT bricht aus
Anfang des Jahres 1988, ich war gerade 48 Jahre alt
geworden, wurde mir bewusst, dass meine Zehen seit einem
halben Jahr kontinuierlich taub gewesen waren, und nun
bemerkte ich, dass das Taubheitsgefühl sich auch auf
den Fuss zu erstrecken begann da wusste ich, dass ich CMT
hatte.
Denn Jahre vorher hatte meine Mutter genau dieselben
Symptome gehabt. Ihr Arzt hatte das zunächst auf
Kreislaufstörungen zurückgeführt und sie
über ein Jahr lang dementsprechend behandelt. Erst als
der Bruder meiner Mutter, der in den USA lebte, ihr
beiläufig mitteilte, dass seine "Stolperfüsse" nun
richtig diagnostiziert worden seien und dass es sich dabei
um eine erbliche Neuropathie namens "CMT" handele,
schlussfolgerte sie und wurde später durch eine
gründliche Diagnose bestätigt dass sie dieselbe
Krankheit hatte, geerbt von ihrer Mutter, die auch schwache
Füsse hatte und zuletzt im Rollstuhl sass.
Also bat ich nun meine Mutter und meinen Onkel um genauere
Informationen. Meine Mutter stellte einen Familienstammbaum
zusammen, der sieben Fälle von Fuss-Abnormitäten in
den letzten vier Generationen ihrer Familie aufzeigte. Aus
den CMT-Informationsschriften, die uns mein Onkel aus den
USA schickte, übersetzte ich die wichtigsten Artikel
ins Deutsche, und als ich schliesslich meinen Arzt besuchte
und ihm meine tauben Zehen vorstellte, konnte ich ihm eine
wohlgefüllte Mappe mit CMT-Informationen
überreichen. Er nahm sie dankbar an und war ehrlich
genug zuzugeben, dass er über diese Krankheit nichts
wusste. Aber er hat meine Mappe durchgearbeitet, und als er
sie mir zurückgab, hatte er noch weitere Informationen
aus seinen eigenen Büchern hinzugefügt.
Um dieser Diagnose ganz sicher zu sein, schickte mein Arzt
mich nun zu einer ganzen Reihe von Fachärzten, um
andere Krankheiten auszuschliessen, die ähnliche
Symptome haben könnten. Keiner von all den Ärzten,
mit denen ich dabei zu tun hatte, hatte je zuvor von CMT
gehört diese Krankheit war neu sogar für die
Professoren des Universitätskrankenhauses, wo ich
schliesslich eine Woche meiner Osterferien opferte, um alle
möglichen Untersuchungen über mich ergehen zu
lassen: EEG, EMG, Motorik- und Sensorik-Tests und eine
Sural-Biopsie, die keine diagnostisch relevanten Ergebnisse
erbrachte, mir aber bis heute Schmerzen bereitet. Und am
Ende hatte ich es schwarz auf weiss: Ich habe CMT Typ 2.
In den folgenden Monaten verschlechterte sich mein Zustand
rapide. Bald waren die ganzen Füsse taub, dann die
Fussgelenke und schliesslich der ganze untere Bereich meiner
Beine die Nerven dort begannen zu zerfallen, sie empfingen
keine sensorischen Signale mehr und konnten keine
motorischen Signale an die Muskeln senden: Ich konnte die
Bewegungen meiner Füsse nicht mehr steuern.
Mein Arzt verschrieb mir Schienen vom Knie bis zu den Zehen,
um meine Füsse in der richtigen Stellung zu fixieren,
und ich musste einen Handstock benutzen, um das
Gleichgewicht zu halten. Gehen und Stehen fiel mir schwer,
es wurde anstrengend und bald auch schmerzhaft. Dann wurden
auch meine Hände taub, meine Handschrift wurde
unleserlich, und alles glitt mir aus den gefühllosen
Fingern.
Allmählich steigerten sich die Schmerzen in Füssen
und Händen und waren schliesslich ständig
spürbar. Immer öfter musste ich der Schule
fernbleiben wegen zu starker Schmerzen. Ich nahm jetzt
ständig schmerzdämpfende Medikamente ein, aber die
betäubende Medizin verlangsamte mein Denken und
Reagieren so sehr, dass ein Unterrichten kaum noch
möglich war. In der Schule schwollen meine
überanstrengten Füsse in den Schienen an, ich
stolperte dauernd, fiel hin, auch im Klassenraum, und zog
mir dabei manche Verletzung zu.
Meine Kollegen entlasteten mich, wo sie konnten, aber nach
den Sommerferien wurde es offenkundig, dass ich meine
Aufgaben als Lehrer nicht mehr erfüllen konnte im
November wurde ich aus dem Schuldienst entlassen, nur elf
Monate nachdem ich meinem Arzt zum ersten Mal von meinen
tauben Zehen berichtet hatte.
Mit CMT leben
Die Pensionierung war eine grosse Erleichterung. Nachdem ich
mich all die letzten Jahre überanstrengt und
erschöpft gefühlt hatte, konnte ich nun mein Leben
nach meinen eigenen Bedürfnissen gestalten und das
tue ich bis heute: Ich kann den ganzen Tag am offenen
Fenster sitzen, weil die frische kalte Luft meine Schmerzen
lindert, in totaler Stille, die meinen entzündeten
Nerven gut tut, und mit hochgelegten Beinen, weil das
für Blut- und Lymph-Kreislauf bei gelähmter
Muskulatur die gesundeste Stellung ist, und ich kann mir je
nach dem Grad meiner aktuellen Konzentrationsfähigkeit
die passende Beschäftigung aussuchen oder auch einfach
schlafen, wann immer das Fatigue-Syndrom mich
überfällt.
So führe ich ein häusliches, friedliches Leben
behütet von meiner Frau,
die mal einen ganz anderen geheiratet hat, einen
kerngesunden, gesellschaftlich aktiven, stadtbekannten Kerl
mit vielen interessanten Freunden und die nun einen
Schwerbehinderten da sitzen hat mit wunden Nerven und lahmen
Gliedern und ewigen Schmerzen und die trotz all dem immer
noch zu diesem Kerl hält;
die auf so vieles verzichtet, was für andere
selbstverständlich ist Ausgehen, Tanzen, Freunde
besuchen, Konzerte, Waldspaziergänge, Autotouren und
überhaupt alle gemeinsamen Unternehmungen ausser Haus
und die kein Wort darüber verliert;
die mir alle Gänge abnimmt, so dass ich oft
wochenlang nicht in meine schweren Stiefel mit den Schienen
steigen und aus dem Haus humpeln muss;
die unsere Termine, Finanzen, Korrespondenzen und
überhaupt alles Wichtige verwaltet, weil mein von
Medikamenten vernebelter Kopf so manches vergisst und
durcheinanderbringt;
die unser zweisames Leben, trotz aller
Einschränkungen, doch immer wieder abwechslungsreich zu
gestalten weiss, so dass wir zusammen glücklich sind
und uns nichts zu fehlen scheint.
Als Hobby-Programmierer und Computernetz-User seit den
frühen Tagen der Homecomputer geniesse ich es, den
ganzen Tag vor dieser Wundermaschine zu sitzen, E-Mails um
den Globus zu schicken oder durchs World-Wide-Web zu surfen,
aber meist bastle ich an irgendeinem neuen Programm,
zurückgelehnt in meinen gemütlichen Ohrensessel,
während eine sanfte Brise den Duft der Rosen durchs
Fenster hereinweht, die so überschwenglich blühen
hier in unserem friedlichen kleinen Hof mitten in der
malerischen mittelalterlichen Lübecker Altstadt ... ist
das Leben nicht herrlich?
Ja, das könnte es sein ... wären da nicht diese
andauernden Schmerzen, verursacht durch Nerven, die am
unteren Ende, in Füssen und Händen, zerfressen
werden durch CMT und am oberen Ende, in meinem Gehirn,
permanent Alarm schlagen. Nervenschmerzen kennt jeder, der
schon mal richtige Zahnschmerzen hatte: Schmerzen zum
Wahnsinnigwerden, nicht zu stillen, durchdringend und alles
Denken und Fühlen überschattend ... Aber bei
Zahnschmerzen ist es nur ein einziger Nerv, der
entzündet ist, bei CMT dagegen können Tausende von
Nerven gleichzeitig entzündet sein können Sie
sich diese Schmerzen vorstellen? Ich nehme jetzt Morphium,
in hoher Dosierung; das nimmt mir nicht die Schmerzen, aber
es senkt sie auf ein ertragbares Mass herab.
Ich hatte ein erlebnisreiches, aktives, engagiertes "Leben vor CMT",
und darüber bin ich sehr glücklich.
Ein "Leben nach CMT" werde ich nicht haben, denn
diese Krankheit ist unheilbar und wird
weiter fortschreiten, so lange ich lebe.
Also muss ich mein
"Leben mit CMT" meistern und ich bin entschlossen,
das Beste draus zu machen.
© Kai Kracht, 1998
Englische Übersetzung:
My Life With CMT
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