Die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit (CMT)
Die Autorin dieses Artikels, Linda Crabtree in
Ontario/Kanada, hat selbst CMT.
Sie hat die Organisation
"CMT-International" ins Leben gerufen und fast zwanzig Jahre
geleitet und hat in dieser Zeit
mehr als zehntausend Menschen mit CMT in aller Welt betreut.
Ihre umfassende und ausführliche Darstellung
reflektiert daher
die unmittelbaren Erfahrungen von vielen Betroffenen mit
ihrer Krankheit, ist mit grossem Hintergrundwissen
geschrieben und dennoch sehr leicht zu verstehen.
Die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit (CMT) ist benannt nach den
drei Ärzten, die sie als erste im Jahre 1886 beschrieben
haben:
- Professor Jean-Martin Charcot (1825-1893) und sein
Schüler,
- Pierre Marie (1853-1940), die beide in Paris am
Hôpital de Salpetrière arbeiteten (benannt
nach der früher dort befindlichen Schiesspulverfabrik),
und
- Dr. Howard Tooth (1856-1926) in London.
Die Krankheit wird auch "Peroneus-Muskel-Atrophie
(PMA)" genannt, weil der Peroneusmuskel, der vorne
am Schienenbein herabläuft, gewöhnlich als erster
Muskel betroffen ist. Ein geschwächter Peroneusmuskel
kann zu einem unsicheren Gang führen: Der Fuss
hängt schlaff herunter, man stolpert leicht, und man
muss das Bein vom Oberschenkel aus anheben, bis auch die
Zehen sich vom Boden lösen, und der Fuss setzt patschend
wieder auf dem Boden auf - wenn man Glück hat, mit der Ferse
zuerst.
CMT hat neuerdings noch einen dritten Namen,
nämlich "Hereditäre Motorisch-Sensorische Neuropathie
(HMSN)". Dieser Name beschreibt die Krankheit genauer,
denn sie ist erblich und kann sowohl die Bewegungsfähigkeit
(Motorik) als auch die Empfindungsfähigkeit (Sensorik)
beeinträchtigen. Ich habe viele Menschen getroffen, deren
Füsse oder auch Beine im Bereich etwa eines Kniestrumpfes
gefühllos sind ("Strumpfgefühl"),
und viele, die ihre Fussgelenke, Füsse und Zehen nicht
bewegen können, und einige, die von den Knien abwärts
überhaupt nichts mehr fühlen oder bewegen können.
Einen Verlust an Bewegungsfähigkeit erfahren die meisten
Menschen mit CMT.
CMT ist in erster Linie eine Krankheit der Nerven, wobei das Myelin
bzw. die isolierende Myelinschicht, die die Nerven umhüllt,
löcherig wird, so dass die Botschaften des Gehirns an die
Muskeln nicht richtig durch die Nerven transportiert werden.
Anders als bei einer Muskeldystrophie werden die Menschen, die CMT
haben, mit normalen Muskeln geboren. Die Muskeln schwinden
(atrophieren), weil die von CMT beeinträchtigten Nerven die
Befehle des Gehirns für bestimmte Muskelbewegungen nicht exakt
übertragen können. So kommt es, dass Muskeln schwinden
können, obwohl sie in Gebrauch sind.
Menschen mit einer Muskel-DYS-trophie haben Probleme mit ihren
Muskeln von Geburt an. CMT dagegen ist eine Muskel-A-trophie.
CMT ist nicht sehr bekannt, aber keineswegs selten. Viele Leute
wissen nicht, dass sie diese Krankheit haben, obwohl sie in
manchen Familien durch Generationen hindurch weitergegeben wird.
Oft schreiben mir Leute und berichten, dass man in ihrer Familie
glaubte, sie alle hätten eben Oma Jones' schwache Füsse
geerbt. Erst wenn ein Familienmitglied mal richtig diagnostiziert
wird, geht gewöhnlich auch allen anderen in der
Familie plötzlich ein Licht auf.
CMT kann durch drei verschiedene Erbgänge vererbt werden,
meist jedoch geschieht dies nach dem autosomal-dominanten Muster
- das heisst, CMT kommt in direkter Linie vom betroffenen
Elternteil zum Kind. Bei diesem Erbgang besteht bei jedem Kind eine
Wahrscheinlichkeit von 50 zu 50, dass es die Krankheit geerbt hat.
Man erforscht bereits, welche Gene für die Übertragung
von CMT verantwortlich sind, und für einige Arten von CMT
liegen schon Testverfahren zur Früherkennung vor.
Zeichen von CMT
Äusserliche Anzeichen, von denen der diagnostizierende Arzt
ausgeht, sind in erster Linie:
- Muskelschwund im Wadenbereich, wodurch das Bein vom Knie
abwärts sehr dünn aussieht;
- Gehen mit kraftlos herabhängenden Füssen;
- Füsse mit hohem Spann oder sehr flache Füsse, auch
andere Deformierungen an den Füssen und stark gebogene
Zehen bzw. Hammerzehen;
- schwache Fussgelenke;
- Verlust der Fühl- und Bewegungsfähigkeit an Füssen
und Fussgelenken.
Die Betroffenen halten sich oft für tolpatschig und
unachtsam, weil sie dauernd über irgendwas stolpern - dabei
ist allein ihre CMT dafür verantwortlich.
Primäres Anzeichen in den oberen Extremitäten ist
die Schwäche der Finger und der Hand beim Greifen sowie
die Schwäche des Handgelenks, der Schwund des Muskels, der
den Daumen bewegt, und das Nachlassen der Fühl- wie auch
der Bewegungsfähigkeit in Hand und Handgelenk. Es entsteht
der Eindruck, man würde allmählich altersschwach, weil
man alles fallen lässt, Knöpfe nicht mehr aufbekommt
und Nadeln oder Münzen nicht mehr vom Boden aufheben kann.
Das Gleichgewicht ist gewöhnlich beeinträchtigt, weil
die Muskulatur in den Füssen schwach ist und
plötzliche Bewegungsänderungen oder Unebenheiten im
Boden nicht mehr ausgleichen kann. Selbst das Stillstehen kann
sehr schwierig sein - wer CMT hat, muss sich auch dabei
irgendwo festhalten.
Schwache oder fehlende Reflexe können dem Arzt beim
Diagostizieren von CMT behilflich sein, und natürlich ist
die Kenntnis Ihrer Familiengeschichte eine grosse Hilfe.
Müdigkeit ist eines der Hauptsymptome, die offenbar jeder
CMT-Betroffene verspürt. Wir empfehlen in allen Dingen eine
langsamere Gangart und Mässigung - leichter gesagt als
getan, das wissen wir, aber es hilft.
Scoliosis (Rückgratverkrümmung) und andere
Deformierungen der Wirbelsäule sind oft festzustellen
bei Menschen, die schon in jungen Jahren CMT-Symptome zeigten,
manche weisen Knochenverlagerungen in Knie oder Hüfte auf,
und manche werden schon geboren mit deformierten
Hüftgelenkspfannen.
Der Diagnose dient auch ein Elektromyogramm (EMG), das die
Erregbarkeit und die Funktion der Muskeln sowie die
Nervenleitgeschwindigkeit misst, also die Fähigkeit
der Nerven, Impulse zu senden und zu empfangen.
CMT-Symptome
Die Symptome von CMT sind bei jedem Menschen verschieden.
Darum kann kein Arzt vorhersagen, wie es Ihnen in zehn
oder zwanzig Jahren gehen wird, und wer das doch tut, den sollte
man ignorieren. Wie Ihre CMT sich entwickelt, hängt ab von
Ihrer genetischen Ausstattung, Ihrem Lebensstil, von Ihren
Tätigkeiten, Anstrengungen, Ernährungsgewohnheiten
und allem anderen, das Ihr Leben ausmacht.
Da nicht zwei von uns gleich sind, ist jede CMT wieder anders.
Ich habe Leute gesehen mit so leichten Symptomen, dass sie gehen,
Treppen steigen und mit 70 noch arbeiten können. Meine Mutter
ist über 80 und kann immer noch gehen, wenn auch mit einem Stock.
Ich dagegen benutze mit 58 einen Elektro-Rollstuhl,
und die Haltekraft meiner Hände beträgt zwei Pfund.
Was für Unterschiede eine Generation bewirken kann!
Viele haben CMT so leicht, dass sie gar nichts davon merken, bis
einer in der Familie so schwer betroffen ist, dass man eine
Diagnose durchführen lässt; und dann - wie schon gesagt -
fängt jeder an zu suchen.
Manchmal wenden sich innerhalb weniger Monate fünf, sechs
Zweige derselben Familie an uns mit der Bitte um Information
über die CMT, die seit Generationen in ihrer Familie ist,
nur weil bei einem Familientreffen der Fall eines ihrer Kinder
diskutiert wurde, das früh CMT-Symptome zeigte und
diagnostiziert wurde.
Andere Symptome sind
- Kopfschmerzen und Schlafprobleme;
- Atemschwierigkeiten wegen Schwächung des phrenischen
Nervs, der die Zwerchfellmuskeln und damit das Einsaugen und
Ausstossen der Luft durch die Lungen steuert; ein geringer
Prozentsatz unserer Mitglieder ist nachts oder sogar rund um die
Uhr auf ein Atemgerät angewiesen;
- Hör- und Sehprobleme;
- schwache Halsmuskulatur, der Kopf wird zu schwer;
- Kau- und Schluckbeschwerden, Erstickungsanfälle und
Stimmbandlähmungen wurden festgestellt, ebenso
- Verdauungs- und Abführprobleme;
- Kraftlosigkeit der Schulter- und Brustmuskulatur;
- Krämpfe der Brust-, Arm- und Oberschenkelmuskeln und
aller ermüdeten, überanstrengten Muskelpartien.
Weitere Symptome können sehr kalte oder sehr heisse Hände
sein. Schmerzende Hände und Symptome wie beim
Karpaltunnelsyndrom (Nervenschaden im Handwurzelkanal mit Taubheit
und Schmerzen in Handgelenk und kleinem Finger) können ebenso
zu CMT gehören - dann haben Sie vielleicht das Karpaltunnelsyndrom
und CMT, oder CMT wird diagnostiziert als Karpaltunnelsyndrom, wenn
der Arzt alle anderen Symptome übersieht.
Schmerzen durch die geschädigten Nerven und durch schwache,
ermüdete, überstrapazierte Muskeln sind verbreitet, und
wir arbeiten mit vielen CMT-Betroffenen, die Schmerzen haben.
Ein Nerven- oder Muskel-Kribbeln, "Ameisengefühl"
genannt, und ein Brennen, hauptsächlich an den Fusssohlen
und Handflächen und manchmal auch am Gesäss und auf
der Rückseite der Oberschenkel können bei CMT auftreten,
ebenso wie ein Zittern. Auch permanente Schmerzzustände in
Beinen und Füssen sind verbreitet.
Einige Menschen mit CMT haben immer wieder unerklärliche
Phasen mit Durchfall oder Verstopfung. Manche sind äusserst
empfindlich gegen Licht oder Geräusche, Heiss oder Kalt oder
gegen Stimulanzien wie Kaffee, viele reagieren sensibel auf Alkohol
und Tabak oder auf die normale Erwachsenen-Dosis von Medikamenten
und nehmen, in Absprache mit ihrem Arzt, stattdessen die
für Kinder empfohlene Menge ein.
Starke, langfristig wirkende Stressfaktoren wie eine sich
hinziehende Scheidung, häufige Umzüge, zu schwere Arbeit,
Todesfälle in der Familie, ein Unfall, die Sorge für Kinder
oder einen pflegebedürftigen Elternteil verschlechtern
erwiesenermassen die Verfassung eines Menschen mit CMT. Es ist
natürlich schwierig zu beweisen, dass CMT durch Stress
verschärft wird, doch wer selbst aus einer extremen
Belastung sehr viel kränker hervorgegangen ist, kann das aus
eigener Erfahrung bestätigen.
Einige Menschen mit CMT haben auch Probleme mit der
Propriozeption. Das ist die Fähigkeit, die Position des
eigenen Körpers wahrzunehmen. Manchmal steige ich ins Auto
und kann, ohne hinzusehen, nicht sagen, ob mein Fuss sich auch
schon im Auto befindet. Ich kann mich auch so fühlen,
als sässe ich ganz zusammengesunken da, und sitze doch
kerzengerade. Das kann einem schon einen Schreck einjagen, um
es vorsichtig auszudrücken, aber es schadet nicht wirklich
- man setzt sich, entspannt sich und wartet, bis der Schreck vorbei
ist.
CMT verursacht in einigen Fällen schwere Behinderungen, aber die
meisten Menschen sind, wie schon oben gesagt, so mild betroffen,
dass sie es gar nicht wissen. Alle genannten Symptome sind bei
sehr vielen Menschen mit CMT zu beobachten, doch haben die meisten
Menschen davon nur einige wenige.
CMT beeinträchtigt die Lebenserwartung nicht, ausser wenn die
phrenischen Nerven, die uns beim Atmen helfen, stark betroffen
sind. Einge Menschen mit CMT haben auch die Fähigkeit zum
Husten verloren. Eine geschwächte Atemfunktion und die
Unfähigkeit zu husten können bedeuten, dass man
empfänglicher ist für lebensbedrohende Lungeninfektionen
und Lungenkrankheiten.
Mit einer frühzeitigen Diagnose und einer entsprechend
vorsichtigen Lebensführung können die meisten Menschen
mit CMT ohne allzuviele Schwierigkeiten eine normale Zeitspanne
leben - obwohl es nicht zu leugnen ist, dass einige sehr ernste
Probleme haben.
Wir erfahren jeden Tag etwas mehr über neue Therapien und
Schmerzmittel. Chirurgie kann helfen bei Problemen mit den
Füssen und Fussgelenken, Händen und Fingern und
mit Wirbelsäule und Hüfte.
Peroneusschienen können helfen zu gehen, ohne zu stolpern,
und Einlagen in den Schuhen können die Schmerzen beim Gehen
mildern und zu einem sicheren Gang beitragen. Es gibt
Verfahrensweisen und Geräte, um alle Probleme zu
bewältigen, von den Schluckbeschwerden bis hin zu der
Unfähigkeit, sich selbst abzuwischen.
Man sagt, die beste Art, mit CMT zurechtzukommen, sei es, gut zu
leben. Behandeln Sie sich gut! Übertreiben Sie nichts und
lernen Sie, ruhig und mit Massen zu leben.
Originaltitel:
Charcot-Marie-Tooth Disease (CMT)
© Linda Crabtree, Ontario/Kanada 2000; deutsch: Kai Kracht
|