Gehalten von goldenen Fäden
von Linda Crabtree
Meine Atrophie schreitet fort,
während um mich herum
das Leben sich kleidet
wie eine eitle Frau.
Was werde ich als nächstes verlieren?
Meine Augen?
Meine Ohren?
Schon sind es meine Beine, Füsse,
mein Atem,
meine Stimme.
Eine Wahl habe nicht ich:
Ich wache des Morgens auf,
und es ist wieder was dahin.
Ist das Gottes Plan,
dass ich weiterhin mit klarem Blick
zusehe, wie ich langsam sterbe,
oder nur eine simple Laune
der Natur?
Wahrscheinlich von beidem ein bisschen:
Das erste, damit ich bescheiden,
das zweite, damit ich demütig werde.
Aber ich gebe nicht auf und
wie ich weniger werde,
bin ich doch mehr.
Nur Fäden halten,
was übrig ist.
Sie wandeln sich in geschmolzenes Gold,
mit Eisen vermischt,
und werden hart, um mir die Stärke zu erhalten
in meiner Seele,
wenn schon nicht in meinem Körper.
Jeder Morgen ein Geschenk,
jedes Erlebnis ausgekostet,
jedes freundliche Wort
schwebt inmitten meiner Seele
bis es fällt
und sich ausbreitet
in der kristallenen Schale,
die ich bin.
Originaltitel:
Held by Golden Threads
© Linda Crabtree, Ontario/Canada 1997;
deutsch: Kai Kracht
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