Herrlicher Baikal


 
     
 

Slavnoye morye – sveshtshený Baikal,
slavný karabl' – omulyevaya botshka!
Ey, Bagruzin, pashevyelivai val!
Plýt' byegletsu nyedaletshko!

Ein herrliches Meer ist der heilige Baikal,
ein herrliches Schiff ist meine Lachstonne.
He, Bagrusin, peitsch die Wogen!
Der Flüchtling muss noch ein Stückchen segeln!

 
 

Dolgo ya zvonkiye tsepi nasil,
dolgo brodil ya v garakh Akatuya.
Starý tovarish byezhat' pasabil.
Ozhýl ya, volyu patshuya!

Lange hab ich die klirrenden Ketten getragen,
lange hab ich mich durchs Akatui-Gebirge geschleppt.
Ein alter Genosse hat mir zur Flucht verholfen.
Wie hab ich aufgeatmet, als ich die Freiheit spürte!

 
 

Shilka i Nyertshinsk nye strashný tepyer',
gornaya strazha minya nye paimala.
V debryakh nye tronul prazhorlivý zver',
pulya strelka minovala.

Schilka und Nertschinsk schrecken mich nicht mehr,
die Bergwacht hat mich nicht gefangen.
Im Dickicht lauerte kein hungriges Raubtier,
die Kugel des Schützen traf mich nicht.

 
 

Shol ya i v notsh, i sred' byelovo dnya
vkrug garadov ozirayasya zorko.
Khlebom kormili krestyanki minya,
parni snabzhali makhorkoi.

Ich ging auch nachts, und am hellichten Tag
umging ich die Städte, mich wachsam umsehend.
Mit Brot fütterten mich die Bäuerinnen,
die Burschen versorgten mich mit Tabak.

 
 

Slavnoye morye – sveshtshený Baikal,
slavný moi parus – kaftan dýrovatý.
Ey, Bagruzin, pashevyelivai val,
slýshitsya buri raskatý.

Ein herrliches Meer ist der heilige Baikal,
ein herrliches Segel ist mein zerfetzter Mantel.
He, Bagrusin, peitsch die Wogen,
man hört schon das Donnergrollen eines Unwetters.

 
     
 


Text und Melodie: Russisches Volkslied
Aussprache:
       s = immer stimmlos, wie das s in "Glas" / z = stimmhaft, wie das s in "Glaser"
       sh = stimmlos, wie das sch in "Tasche" / zh = stimmhaft, wie das g in "Etage"
       kh = raues ch, wie in "ach" / weich, wie in "ich", nur vor "e" und "i"
       y = leichtes j, wie in "Himalaya" / ý = dumpfes i, zwischen ü und i
       a, e, i, o, u, ý = der unterstrichene Vokal kennzeichnet die betonte Silbe eines Wortes
Bearbeitung für Balalaika, Notensatz, Transkription und sinngemässe Übersetzung: Kai Kracht
Anmerkung:
       Dieses Lied stammt aus dem 18./19.Jahrhundert, als auch der ferne Osten Sibiriens erschlossen wurde und das zaristische Regime begann, vorzugsweise politische Häftlinge in fernste Orte wie Schilka und Nertschinsk am Amur, an der Grenze zur Mongolei, sechstausend Kilometer weit in die Verbannung zu schicken. Flucht war von dort fast unmöglich: Allein bis zum Baikal-See waren schon fast tausend Kilometer dichter Wald und Gebirge zu überwinden. Und dann versperrte der langgestreckte Baikal, der tiefste See der Erde, fast siebenhundert Kilometer lang und siebzig Kilometer breit, jedes Weiterkommen.
       Mit einem Fass als Kahn und seinem Mantel als Segel wagt der tollkühne Flüchtling in unserem Lied die Überfahrt, und Bagrusin, der eisige Nordostwind, der aus der Tundra ins Baikaltal einfällt, soll ihn rasch ans andere Ufer treiben, bevor das nahende Unwetter losbricht.
       Allein auf dieser unendlichen Wasserfläche, ohne Ruder und Steuer, ist er dem Wind völlig ausgliefert, und dem Wellengang, der mit seinem eigentümlichen Rhythmus – Dreischlagnote, Zweischlagnote, Einschlagnote – das ganze Lied durchzieht und damit dieses Ausgeliefertsein auch in der Musik ersprüren lässt. Der Text dagegen strahlt unbändige Tatkraft aus und die ungetrübte Zuversicht, dass selbst dieses waghalsige Abenteuer nur gut ausgehen kann. Diese feine Spannung zwischen Melodie und Text macht das Lied auch musikalisch so interessant.
© Kai Kracht 2003