Dubinuschka



 
     
 

Mnogo pyesen slýkhal
ya v radnoi staranye,
v nikh pro radost' i gorye mne pyeli.
Iz fsyekh pyesen odna
f pamat' vrezalas mnye,
eta pyesnya rabotshey arteli:

Viele Lieder hab ich gehört
in meiner Heimat,
darin sang man mir von Freude und Sorgen.
Von allen Liedern hat sich eins
mir ins Gedächtnis eingeprägt,
das ist das Lied der Arbeitsleute:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

I ot dyedof k otsam,
ot otsof k sýnovyam
eta pyesnya idyot po nasledstvu.
I lish tolko kak stanet
rabotat' nyevmotsh,
my k dubine, kak vernomu sredstvu.

Vom Grossvater auf den Vater,
vom Vater auf den Sohn
hat sich dieses Lied vererbt.
Und immer, wenn
das Arbeiten allzu schwer wurde,
griffen wir zum Knüppel als letztem Mittel.

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

Anglitshanin mudrets:
Shtob rabote pamotsh,
isabryol za mashinoi mashinu.
A nash ruski muzhik,
kol rabotat' nyevmotsh,
tak zatyanet radnuyu dubinu.

Der Engländer ist schlau:
Um die Arbeit zu erleichtern,
erfand er Maschine auf Maschine.
Aber unser russischer Muschik,
wird ihm die Arbeit zu schwer,
singt immer noch vom guten alten Knüppel:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

Tyanet s lyesom sudno
il zhelezo kuyot
il f Sibiri rudu dobývayet:
S mukoi, s bolyu v grudyi
adnu pyesnyu payot,
pro dubinushku v nyey vspominayet.

Ob er einen Kahn mit Bauholz zieht
oder Eisen schmiedet
oder in Sibirien Erz abbaut:
Mit Mühe, mit Schmerzen in der Brust
singt er immer wieder das eine Lied
und erinnert sich dabei ans Knüppelchen:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

I na Volge rekye,
utopaya f peskye,
on lomayet i nogi i spinu,
nadrývayet tam grud',
i stob lekhtshe tyanut',
fsyo payot pro radnuyu dubinu.

Und die Wolga hinauf,
fast versinkend im Sand,
bricht er sich Hals und Bein,
scheuert die Brust sich wund,
doch um leichter zu ziehen,
singt er dauernd das Lied vom Knüppel:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

Po darogye bolshoi,
po bolshoi stolbovoi,
shto Vladimirskoi zdrevle zavyotsya,
zvon tsepyey razdayotsya
glukhoi, rakavoi,
i Dubinushka stroino nesyotsya:

Und die grosse Strasse entlang,
die grosse Poststrasse,
die von alters her die Wladimir'sche heisst,
erschallt der Klang von Ketten,
dumpf und verhängnisvoll,
und im Takt dazu das Lied vom Knüppelchen:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
 

No nastala para,
i prosnulsya narod,
razognul on mogutshuyu spinu
i stryakhnul s pletsh daloi
tyazhki gnyot vekavoi,
na wragof pripodnyal on dubinu:

Aber die Zeit ist gekommen,
und das Volk hat sich erhoben,
hat das mächtige Rückgrat gradegemacht
und von den Schultern abgeschüttelt
das schwere, Jahrhunderte alte Joch
und gegen seine Feinde nun den Knüppel erhoben:

 
 

       Ekh, dubinushka, ukhnem!
       Ekh, zelyonaya sama paidyot!
       Padyornim! Padyornim!
       Da ukhnem!

       Hej, Knüppelchen, hau ruck!
       Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
       Und ziehen! Und ziehen!
       Hau ruck!

 
     
 


Text nach einem Gedicht von W. Bogdanow, 1865
Melodie: Russische Volksweise
Aussprache:
       s = immer stimmlos, wie das s in "Glas" / z = stimmhaft, wie das s in "Glaser"
       sh = stimmlos, wie das sch in "Tasche" / zh = stimmhaft, wie das g in "Etage"
       kh = raues ch, wie in "ach" / weich, wie in "ich", nur vor "e" und "i"
       y = leichtes j, wie in "Himalaya" / ý = dumpfes i, zwischen ü und i
       a, e, i, o, u, ý = der unterstrichene Vokal kennzeichnet die betonte Silbe eines Wortes
Bearbeitung für Balalaika, Notensatz, Transkription und sinngemässe Übersetzung: Kai Kracht
Anmerkung:
       "Dubinuschka" ist vermutlich ein altes Arbeitslied: Der kräftige Eichenknüppel konnte, bei schweren Arbeiten als Hebel eingesetzt, die eigene Kraft verstärken und, wenn andere mit anpackten, vervielfachen – die Kommandos für den gleichzeitigen Einsatz der vereinten Kräfte sind im Refrain noch erhalten. Heute ist allerdings nur noch die künstlerische Fassung bekannt, die W.Bogdanow dem Lied im Jahre 1865 gab.
       Kurz zuvor hatte Zar Alexander II. den anwachsenden Bauernunruhen nachgegeben und 1861 die Leibeigenschaft in Russland offiziell aufgehoben. Tatsächlich jedoch erhielten die Bauern nur gut die Hälfte des bisher von ihnen bewirtschafteten Landes zugeteilt, mussten es ihrem Gutsherrn abkaufen und blieben bis zur endgültigen Bezahlung weiterhin zu Frondiensten verpflichtet. Sie fühlten sich von den Gutsbesitzern um die von "Väterchen Zar" geschenkte Freiheit betrogen, es kam zu regelrechten Bauernaufständen, Militär wurde eingesetzt und brauchte zwei Jahre, um den immer wieder aufflackernden Aufruhr niederzuschlagen.
       Aber die Unruhe wuchs, während Bogdanow dieses Lied schrieb, Verelendung und Hungersnöte führten schon 1885 wieder zu offenen Revolten und Bauernaufständen – und "Dubinuschka", der Eichenknüppel zum vereinten Aushebeln auch der gröbsten Klötze, wurde zu einem Symbol des gemeinsamen Kampfes gegen Unrecht und Ausbeutung.
© Kai Kracht 2002