Text-Version Die 68-er Revolution Zurück zur Pinnwand
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1968 – was für ein Jahr! Da stürzte eine befreite, entfesselte Jugend die morsche Moral der deutschen Nachkriegsgesellschaft vom Sockel, tobte darüber hinweg und trat lachend in den Staub, was doch seit Jahrhunderten als höchste Tugend gegolten hatte: keusche Enthaltsamkeit, sittsames Sich-Bescheiden, fromm ergebener Gehorsam und untertäniger Respekt vor Gesetz und Obrigkeiten ... und frech und fröhlich ging diese Jugend daran, ihre neue Welt aufzubauen, ihr eigenes Leben zu leben, ihre eigene Moral zu finden.

"Ziemlich genau eine Generation ist es her, dass die letzte grosse Kulturrevolution die westliche Welt durchfuhr wie ein Wirbelsturm. Wie jede echte Revolution war es eine Jugendrevolte; sie richtete sich gegen das Alte und die Alten, gegen das Bewährte und falsch Bewahrte, gegen das Bestehende, das Establishment.

Die 68er-Revolte erfasste alle Bereiche des Denkens und Lebens – die Philosophie mit der Kritischen Theorie und dem Neomarxismus – die Mode mit Jeans, Langhaarfrisur und Minirock – das Lebensgefühl des Aussteigens, Tabubrechens, Drogenkonsums, der Wohngemeinschaften und antiautoritären Erziehung. Sie erfasste die Politik, die als ausserparlamentarische Opposition auf die Strassen ging; vor allem aber die Popkultur und Popmusik ..."*

"68 ist ein Mythos"* geworden: Das war der Anbruch einer ganz neuen Zeit, mit einem neuen Menschenbild – es ging um den freien, selbstbestimmten Menschen, der sich nicht mehr von oben verwalten lässt, sondern sich eine neue, freiheitlich demokratische Welt schafft, darin er seine Persönlichkeit allseitig entfalten kann.

"Revolution", sagte damals Rudi Dutschke, einer der führenden Köpfe der 68-er Bewegung, "ist nicht eine Sache von Tagen, wo geschossen wird und Auseinandersetzungen stattfinden. Revolution ist ein langer, lang andauernder Marsch und Prozess um die Schaffung von neuen Menschen, die fähig sind, nicht eine alte Clique durch eine neue zu ersetzen nach der Revolution, sondern massenhafte Demokratisierung von unten" zu entwickeln und "bürokratischer Herrschaft von oben" entgegenzusetzen: "In diesem Kampf habt ihr eure Bedürfnisse zu entfalten, und an diesem Kampf ist jeder beteiligt, wo er sich auch immer in dieser Welt befinden mag" – und dieser lange, lang andauernde Prozess ist noch längst nicht zu Ende.



UNTER DEN TALAREN
MUFF VON 1000 JAHREN


Die Nachkriegsgesellschaft war prüde und stockkonservativ. Man hatte Krieg und Hitler-Herrschaft überlebt, schwieg über die eigenen Verstrickungen in das Nazi-Regime und fürchtete doch ständig, sie könnten ans Licht kommen. Bloss nicht auffallen, war allgemeine Lebensregel. Alles musste, zumindest nach aussen, strikt in der Norm bleiben – in der Norm, die man unseren Eltern in ihrer Jugend eingebläut hatte: im Moral- und Gesellschaftsverständnis der Kaiserzeit und des neunzehnten Jahrhunderts.

  • In der Familie herrschten strenge Regeln, deren oberste war, dem Vater stets bedingungslos zu gehorchen – das galt für Ehefrau und Kinder gleichermassen, denn der Mann war Haushaltungsvorstand per Gesetz, war für alles zuständig, er allein kannte sein Einkommen und das Guthaben auf dem Sparbuch, er plante und tätigte die notwendigen Anschaffungen, er teilte Haushaltsgeld und Taschengeld zu, und er hatte in allen Entscheidungen das letzte Wort.
  • Kinder hatten brav zu sein und der Familie keine Schande zu machen; wir wurden herausgeputzt: mit 13 bekam ich Bügelfaltenhosen, Hemd und Schlips und ging so geschniegelt zur Schule, das Haar straff gescheitelt und mit Creme an den Kopf geklebt; was die Kinder in der Schule oder nachmittags machten, kümmerte viele Eltern nicht, solange keine Klagen kamen; dann jedoch setzte es Strafen, und es wurde allgemein viel und kräftig geprügelt, mit Kochlöffeln, Kleiderbügeln, Ledergürteln und in der Schule mit dem Rohrstock. Ohrfeigen und Kopfnüsse teilte jeder aus: Eltern, Lehrer, Pastor, Schutzmann, Lehrmeister, auch der Nachbar, wenn er sich belästigt fühlte; beklagte man sich zu Hause, fing man sich noch eine ein.
  • Der Lebensbereich der Frau war durch die drei 'K' – Küche, Kinder, Kirche – umschrieben: Mutter war dem Vater gegenüber verantwortlich für den Haushalt sowie für Erziehung und schulische Leistungen der Kinder, und wenn sie daneben noch Zeit fand, konnte sie sich gerne im Bibelkreis oder in karitativen Einrichtungen betätigen.
    Berufstätigkeit der Frau galt als Schande für den Mann, der offenbar seine Familie nicht ernähren konnte. Noch 1963 hielten 60% der Frauen eine Berufstätigkeit von Frauen für 'nicht normal'. Sie wurde zudem stark unterbezahlt: Eine Frau bekam, bei gleicher Arbeit wie ein Mann, bis zu einem Drittel weniger Lohn.
    Eine Berufskarriere schafften nur ganz vereinzelte, bestaunte und belächelte Frauen; die leitenden Positionen in Wirtschaft oder Politik waren grundsätzlich mit Männern besetzt.
  • Schule und Erziehung waren, nach den hoffnungsvollen Anfängen der Reformpädagogik in den zwanziger Jahren, von den Nazis wieder so organisiert worden wie im 19. Jahrhundert, und in der Nachkriegszeit ging man noch einen Schritt weiter zurück und führte die Konfessionsschule wieder ein:
    Die 'Volksschulen' waren nach Religionszugehörigkeit eingeteilt, die 'höheren Schulen' nach Geschlecht: Es gab die Evangelische Volksschule und die Katholische Volksschule, die Jungen-Realschule und Mädchen-Realschule, das Gymnasium für Knaben und das Lyzeum für Mädchen – alles sittsam getrennt, und an den Mädchen-Schulen gab's viel Hauswirtschaft und ein 'Pudding-Abitur', das niemand ernst nahm.
    In der Klasse sassen wir auf festgeschraubten Holzbänken, alle frontal nach vorn ausgerichtet, wo die Landkarte hing, auf der Ostpreussen noch deutsch war, und der Lehrer hinter seinem massigen Pult auf einem zwei Stufen hohen Podest thronte; Ende der fünfziger Jahre bekamen wir Tische und Stühle, wieder in soldatischer Formation frontal gruppiert, wo das Lehrerpult immer noch auf seiner Empore stand.
    Die Lehrmethoden stammten weitgehend, wie die Lehrer auch, aus der Nazi-Zeit: Gefordert wurden erstens Gehorsam, zweitens Disziplin und drittens Auswendiglernen. Bei nur sehr wenigen Lehrern gab es gelegentlich Raum für Diskussionen und selbstständiges Lernen.
    Zu dieser Zeit beschloss ich, selber Lehrer zu werden und es später mal besser zu machen.
  • Die Berufsausbildung war durch die Preussische Gewerbeordnung von 1866 geregelt, die dem Lehrherrn noch ausdrücklich das Recht zur körperlichen Züchtigung seiner Lehrlinge gab. Sie war auf die handwerklichen Berufsbilder des 19. Jahrhunderts zugeschnitten und konnte der modernen Arbeitswelt im Zeitalter der Maschinen, Automaten und der gerade aufkommenden Elektronik längst nicht mehr gerecht werden.
  • An den Hochschulen galt immer noch das Reglement der Ordinarienuniversität mit ihren Jahrhunderte alten Traditionen, ihrer elitären Abgehobenheit, ihren undemokratischen Strukturen und ihren veralteten, lebensfernen Lehrinhalten. Hier war die Nazi-Vergangenheit besonders gegenwärtig: "Etliche Professoren, die sich während der Zeit des Faschismus durch ihre systemtreue 'wissenschaftliche' Arbeit hervorgetan hatten, konnten ihre Karrieren nach dem Krieg bruchlos fortsetzen."*
    Eine studentische Mitbestimmung gab es nicht, und eine tiefe Kluft trennte die Studenten und die Hochschullehrer, die bei feierlichen Anlässen – gemäss der Königlich-Preussischen Kleiderordnung von 1810 – in langen Talaren mit weisser Halskrause und unförmigen Professorenhüten erschienen.

Doch 1967 setzen sich in Hamburg zwei mutige Studenten unversehens vor den Einmarsch der so albern gewandeten Professoren und tragen ein grosses Transparent vor ihnen her mit den Worten 'Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren' – was einer der Professoren prompt bestätigt, als er die Studenten wütend anzischt: "Sie gehören alle ins KZ!"*



DIE SCHULE DER NATION IST
DIE SCHULE



Als Bundeskanzler Kiesinger die Bundeswehr als 'Schule der Nation' bezeichnet, geht ein Aufschrei durch das Land. Die Älteren kennen solche Sprüche noch zu gut aus der Hitlerzeit, und die Jungen wollen endlich eine demokratische Schule. Jugendverbände protestieren, die Lehrergewerkschaft und viele andere demokratische Kräfte und natürlich die Schüler, Lehrlinge, Studenten und jungen Lehrer in der 68-er Bewegung, die seit Jahren an den verkalkten Strukturen des Jahrhunderte alten Schulsystems rütteln – was sie sich in diesen wenigen Jahren erkämpfen, kommt einer wahren Revolution des gesamten Bildungswesens gleich:

  • Längst fällige Schulreformen erfolgen jetzt Schlag auf Schlag:
    • 1967 wird der Beginn des Schul- und Studienjahres von Ostern verschoben auf den Sommer – eine überfällige Anpassung an internationale Normen und unerlässliche Voraussetzung für den bald einsetzenden Austausch von Schülern, Lehrern und Dozenten mit dem Ausland;
    • 1968 werden die Konfessionsschulen aufgelöst;
    • 1968 wird die alte 'Volksschule' aufgeteilt in eine Grundschule und die weiterführende Hauptschule, in der jetzt auch Englisch unterrichtet wird;
    • statt der bisher acht Schulbesuchsjahre wird ein obligatorisches neuntes und bald auch ein optionales zehntes Hauptschuljahr eingeführt;
    • bald richten die weiterführenden Schulen Orientierungsstufen ein und stimmen die Lehrpläne ab, um Durchlässigkeit zu gewährleisten;
    • die Geschlechtertrennung an den weiterführenden Schulen wird aufgehoben;
    • Prügelstrafe wird abgeschafft;
    • die ersten Gesamtschulversuche werden gestartet, um eine fortschrittliche Alternative zu dem herkömmlichen dreiklassigen Schulsystem zu bieten ...
  • Neue Unterrichtsformen ziehen ein:
    • Gruppenunterricht, Gesprächskreis, Partnerarbeit ... viele neue Formen des Lehrens und Lernens werden nun offiziell empfohlen und lösen die althergebrachte frontale Ausrichtung aufs Lehrerpult ab;
    • die Klassen werden kleiner und durchlässiger: klassenübergreifende Arbeitsgemeinschaften und Projektunterricht werden allen Schülern angeboten;
    • Förderstunden für Lernschwache und kompensatorischer Unterricht für Schüler aus bildungsfernen Schichten rücken die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Schülers in den Vordergrund ...
  • Die Schule wird demokratisiert:
    • Schulverfassungen treten in Kraft, Schüler-Mitverwaltung und Eltern-Beiräte werden ins Leben gerufen, organisieren sich landesweit und werden ein massgeblicher Faktor zur Korrektur staatlicher Bildungspolitik; Schüler- und Elternvertreter erhalten Sitz und Stimme in den Schulkonferenzen;
    • Lehrlinge erhalten dieselben Mitbestimmungsrechte an ihren Berufschulen und bald auch eine Jugendvertretung im Betrieb;
    • eine Hochschulreform öffnet den Weg zu studentischer Mitbestimmung und Selbstverwaltung ...
  • Die Bildungsreform verändert die Studieninhalte radikal:
    • Neue Studiengänge werden geschaffen, herkömmliche werden auf ihre Relevanz für unsere heutige Zeit abgeklopft, alte Zöpfe abgeschnitten und moderne Inhalte eingefügt. Als ich nach zwanzig Dienstjahren als Lehrer ein Aufbaustudium beginne, muss ich die pädagogische Wissenschaft von Grund auf neu lernen – und jetzt gefällt sie mir, denn nun ist sie im Schulalltag eine echte Hilfe.
    • Über die Schule bricht eine wahre Flut neuer Lehrpläne herein – in Lose-Blatt-Form, weil sie dauernd noch nachgebessert werden ...
  • 1969 tritt ein neues Berufsausbildungsgesetz an die Stelle der Preussischen Gewerbeordnung von 1866 und regelt die Berufsausbildung völlig neu:
    • Dass der Lehrherr jetzt 'Ausbilder' heisst und der Lehrling 'Auszubildender', kennzeichnet die Abkehr von der Orientierung auf den handwerklichen Meisterbetrieb als Ausbildungsort hin zur industriellen, modernen Berufswelt.
    • Neue Berufsbilder werden angeboten, veraltete ausgesondert. Das ganze Ausbildungssystem ist jetzt flexibler an neue technische und wirtschaftliche Entwicklungen anzupassen.
    • Das umstrittene 'duale System' von Ausbildung in staatlicher Berufschule und privatem Ausbildungsbetrieb wird beibehalten, aber alle Lehr- und Ausbildungspläne werden modernisiert und unterliegen staatlicher Kontrolle ...

Am Ende der sechziger Jahre ist das deutsche Bildungswesen nicht mehr wiederzuerkennen: Hochschule, Schule und Berufsausbildung sind gründlich entrümpelt. Doch bleibt vieles noch unvollkommen, und auch in den folgenden Jahrzehnten werden noch gewaltige Veränderungen folgen: Dass die 68-er Revolution nicht nur ein einmaliger Riesenschritt vorwärts war, sondern auch sehr langfristige Prozesse ausgelöst hat – das wird auf keinem Gebiet so deutlich wie auf dem Bildungssektor.



TRAU KEINEM ÜBER 30


Unsere Revolution war jung, hatte viel Witz, viel Situationskomik, und auch wenn wir nie unser revolutionäres Ziel aus dem Auge verloren, geriet manche politische Aktion zum Happening. Die fetzigen Slogans, die immer bunter, fröhlicher, frecher gestalteten Demonstrationen, die neuen Aktionsformen amerikanischer Studenten wie Go-Ins, Sit-ins, Teach-ins, Sleep-ins – das machte einfach Spass ... und nicht zu vergessen die Love-ins!

"68 wird häufig die Epoche der Politikaster und verbiesterten Theoretiker genannt – aber das ist ein gewaltiges Missverständnis. Diese Jahre bebten vor Sinnlichkeit. Zwar gab es auch Stubengelehrte und Polit-Asketen; das weitaus Interessantere an 68 aber waren die Liebesgrüsse aus Amerika: 'Make love, not war'. Was die Jugend zur APO trieb, war vor allem die Aussicht auf freie Liebe, auf Stones und Bob Dylan aus den Boxen und auf ein Haschisch-Pfeifchen zu den nicht enden wollenden Diskussionen über Orgasmus und Weltrevolution."*

Wenn man diese bunte Bewegung auf einen Begriff bringen will, dann auf diesen: 'anti-autoritär'.

    Wir waren nicht gegen echte Autoritäten, also Menschen, die uns etwas Wesentliches zu sagen hatten, was uns weiterhalf – die wurden anerkannt, ihre Bücher wurden studiert und weitergereicht, wir konnten ihnen stundenlang zuhören und ihre Ideen nächtelang diskutieren.

    Aber die aufgeplusterten Autoritären, die uns mit Befehlen, Gesetzen, Vorschriften kamen, die wir nicht einsahen – die wurden ausgelacht, und ignoriert. Solche autoritären, obrigkeitsgläubigen Leute hatten in diesem Land immer wieder selbst unmenschliche Gesetze und verbrecherische Befehle bedenkenlos ausgeführt. Wir aber waren entschlossen, mit dieser verhängnisvollen Tradition des bedingungslosen Gehorsams gegenüber allem, was 'von oben' kam, ein für allemal zu brechen.

'Anti-autoritär' in diesem Sinne sollten auch unsere Kinder gleich von Anfang an aufwachsen:

    Wer erziehen will, muss eine Autorität sein und sich die Anerkennung der Kinder erwerben durch Wissen und Können, durch Zuneigung, durch Achtung vor der Persönlichkeit eines jeden Kindes und auch durch klare Regeln und deren konsequente Durchsetzung.

    Aber wer nicht auf die Kinder eingeht, ihre Persönlichkeit nicht respektiert, sondern sie beleidigt, verächtlich macht oder beschimpft, wer seine Regeln selber nicht einhält, wer nur Befehle brüllt und Kinder herumschubst oder schlägt – das ist ein dummer, hilfloser, aufgeblasener 'autoritärer Fatzke' und kein richtiger Erzieher.

Anti-autoritäre Erziehung sollte die Kinder früh dafür sensibilisieren, autoritäres Verhalten zu erkennen, sich dadurch weder einschüchtern zu lassen noch derartige Verhaltensmuster nachzuahmen – und, wenn eben möglich, autoritäre Anordnungen zu boykottieren, um dem 'autoritären Fatzke' zu zeigen, dass Erziehung so nicht funktioniert.

Das bekamen wir Eltern am meisten zu spüren, und so erzogen wir und unsere Kinder uns gegenseitig anti-autoritär – schliesslich ging es auch hier um den neuen Menschen, der Anweisungen nicht deshalb ausführt, weil sie 'von oben' kommen oder laut genug gebrüllt werden, sondern weil er ihren Sinn einsieht und bejaht.

Die 68-er Bewegung war ja nicht nur Studentenrevolte. Das war der Aufstand der Nachkriegs-Jugend, die Rebellion von Millionen junger Menschen – Schülern und Lehrlingen bis hin zu den studierenden und berufstätigen jungen Frauen und Männern – gegen die Verlogenheit und Anmassung ihrer Eltern-Generation, die Hitler an die Macht gewählt und in Treue fest gedient hatten, dies alles nun verleugneten und doch immer noch auf dieselbe autoritäre, selbstherrliche Weise regierten.

Und 68 war auch nicht nur '1968'. Das fing viel früher an und dauerte viel länger, in seinen Auswirkungen ist es bis heute spürbar. 1968 war nur der Höhepunkt, das Jahr der grössten Hoffnungen, der härtesten Auseinandersetzungen und der tiefsten Enttäuschungen und das Jahr des Durchbruchs, in dem alles, was wir uns zuvor in zähen Auseinandersetzungen an kleinen Siegen erkämpft hatten, schliesslich unumkehrbar wurde – das Jahr der Revolution.

Vorausgegangen waren Jahre, in denen wir allmählich erkannten, dass es nicht gelingen kann, sich individuell von der Moral der Erwachsenen zu befreien, solange sie die Macht haben, die Einhaltung ihrer Moral auf Schritt und Tritt zu erzwingen.

Und weil die herrschende Moral stets die Moral der Herrschenden ist, müssen wir erst die Macht der etablierten Machthaber, vom Familienvater bis zum Regierungschef, die Macht dieses ganzen 'Establishments' brechen, um uns selbst befreien zu können – diese Erkenntnis, die in diesen Jahren in Tausenden von jungen Köpfen heranreift, ist letztlich der innere Motor der ganzen 68-er Revolution.



BRECHT DEM STAAT DIE GRÄTEN
ALLE MACHT DEN RÄTEN



Die politischen Ereignisse der sechziger Jahre hatten uns nach und nach alle Illusionen über diesen Staat und seine Politiker genommen:

  • Der Mauerbau in Berlin am 13.August 1961 symbolisierte für uns das endgültige Scheitern aller Wiedervereinigungsträume: Adenauers sture Westbindung und seine arrogante Zurückweisung aller Verhandlungsangebote aus dem Osten waren daran ebenso schuld wie Ulbrichts Absicht, der DDR-Bevölkerung das letzte Fluchtloch in den Westen zuzumauern.
  • Die 'Spiegel-Affäre' im Oktober 1962 warf ein Schlaglicht auf den autoritären Umgang der Adenauer-Regierung mit der Rechtsstaatlichkeit unseres Landes:
    Ein kritischer Manöverbericht in der Zeitschrift 'Der Spiegel' vom 10.Oktober 1962 – laut Adenauer 'ein Abgrund von Landesverrat' – diente als Vorwand für polizeiliche 'Nacht- und Nebelaktionen' gegen dieses unbequeme Nachrichtenmagazin mit Durchsuchungen und Verhaftungen.
    Die Öffentlichkeit protestierte, es gab die ersten spontanen Strassendemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik.
    Später musste die Regierung zugeben, dass die Vorwürfe gegen den 'Spiegel' haltlos waren, und musste wegen seiner besonders schweren Rechtsverstösse ihren Verteidigungsminister Strauss entlassen.
    Konnte man dieser Regierung noch trauen?
  • Im Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963 bekamen wir durch die Zeugenaussagen erstmals einen direkten Eindruck von dem entsetzlichen Grauen in den Vernichtungslagern und fanden die Bundestagsdebatten über die Verjährung der Nazi-Verbrechen, mit der die Generation der Täter sich selbst amnestieren wollte, nur noch empörend und erbärmlich.
  • Die Westmächte verloren bald ihr hohes Ansehen als Befreier und Beschützer: Frankreich führte einen grausamen Krieg gegen die Bevölkerung in Algerien und die USA einen Vernichtungsfeldzug in Vietnam.
    Die westliche Moral wurde uns suspekt: Niemand von uns wollte so 'beschützt' werden wie die Vietnamesen!
  • Die wirtschaftliche Rezession ab 1965, die Schliessung der Kohlezechen an Ruhr und Saar, das Ansteigen der Arbeitslosigkeit und die vorzeitige Ablösung des erfolglosen 'Wirtschaftswunder-Kanzlers' Erhard 1966 erschütterten den Glauben an das vielgepriesene Modell der kapitalistischen Marktwirtschaft.
  • Wir bewunderten Gandhis erfolgreichen gewaltlosen Kampf für die Befreiung Indiens aus britischer Kolonialherrschaft und sympathisierten mit den Befreiungsbewegungen in den übrigen Kolonien.
    Aber dass wir, die reichen Staaten dieser Erde, auch die selbständigen Länder der dritten Welt ausbeuten, dass unsere Entwicklungshilfe oft an wirtschaftliche Knebelverträge gebunden ist und zudem oft in den Taschen einer dünnen Oberschicht verschwindet und die Bevölkerung weiter im Elend lebt – das empört uns.
  • Als im Dezember 1964 der kongolesische Diktator Tschombe, der drei Jahre zuvor als Provinzgouverneur von Katanga seinen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba ermorden liess und sich selbst an die Macht geputscht hatte, in unserem Land mit allen Ehren empfangen wird, gibt es die ersten Proteste: Berliner Studenten bewerfen seine Staatskarosse mit blutroten Tomaten.
  • Beim Besuch des persischen Schah im Mai/Juni 1967 erleben wir, wie unser Land zum Polizeistaat wird. Wo immer der hohe Staatsgast auftritt, schirmen ihn Tausende von Polizisten weiträumig ab. Autobahnen werden für den Verkehr gesperrt, die Rheinschifffahrt stillgelegt, Strassen und anliegende Häuser von Polizisten besetzt, Geschäfte geschlossen. Allein die mitgebrachten persischen Geheimpolizisten, als 'jubelnde Bevölkerung' verkleidet, können sich frei bewegen.
    Der Schah hat allen Grund, sich zu fürchten: Sein Volk lebt in Armut, Krankheit und Unwissenheit, 85% sind Analphabeten, während er ausländische Subventionen für sein eigenes Luxusleben missbraucht. Kritiker kann er im eigenen Land einfach erschiessen lassen, aber nicht bei uns:
    Als sich am 2.Juni vor der Berliner Oper eine mächtige Demonstration sammelt, dreschen die Jubelperser mit den langen Latten ihrer Transparente auf die Demonstranten ein. Schliesslich geht die Polizei dazwischen und jagt die Demonstranten auseinander, während die Jubelperser vom Deutschen Roten Kreuz Kaffee bekommen, und ein Zivilbeamter der Politischen Polizei verfolgt den flüchtenden Studenten Benno Ohnsorg und erschiesst ihn von hinten, direkt in den Kopf.
    'Notwehr', erkennt das Gericht später, und spricht ihn frei.

Zu diesem Zeitpunkt erhoffen wir uns längst nichts mehr von dieser Gesellschaft und ihrem Staat.

Wir wollen eine Revolution, wir wollen die Menschen in unserem Land aufrütteln, sich zu erheben und dieses verkrustete, verfilzte, von alten Nazis beherrschte System mitsamt seinem ungerechten, profitgeilen Kapitalismus hinwegzufegen und ein neues, wahrhaft demokratisches, solidarisches Gemeinwesen zu schaffen, mit einem Räte-System vielleicht, wie es in der Revolution von 1918 spontan entstanden war, mit basisdemokratischer Wahl, Rechenschaftspflicht und Abwählbarkeit der Abgeordneten auf allen Ebenen ...

Wir studieren Marx und Engels und die grossen Revolutionäre unseres Jahrhunderts: Lenin, Rosa Luxemburg, Gandhi, Mao, Che – wir wollen aus ihren Erfolgen und aus ihren Fehlern lernen und es mal besser machen: ohne Gewalt gegen Menschen, friedlich und demokratisch.



HOCH DIE INTERNATIONALE SOLIDARITÄT


1968 ist ein Jahr, das Revolutionären Mut macht: Wohin wir schauen, überall in der Welt erblicken wir Mitkämpfer und die rote Fahne der Rebellion:

  • In Berkeley/Kalifornien haben die Studenten seit 1964 mit ihrem 'Free Speech Movement' eine Bewegung ins Rollen gebracht, die nun auch andere Länder erfasst: In England, Belgien, Italien, Polen und verschiedenen Ländern Lateinamerikas kommt es zu Studentenprotesten. In Deutschland greift besonders der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) die Ziele und Aktionsformen der amerikanischen Studenten auf.
  • Auch in der CSSR demonstrieren die Studenten und erzwingen eine Regierungsumbildung: Im März kommt Alexander Dubcek an die Macht und will mit demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformen einen 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' schaffen.
  • In Japan demonstriert die Studenten-Dachorganisation Zengakuren für soziale Reformen auf den Strassen aller grossen Städte.
  • Als am 4. April in den USA Martin Luther King erschossen wird, kommt es in über 100 Grossstädten zu Aufständen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
  • In Mexiko protestieren Hunderttausende vor und während der Olympischen Spiele gegen die korrupte Regierung.
  • In Paris bauen 30.000 Studenten am 11.Mai Barrikaden rund ums Universitätsviertel aus Protest gegen die Politik der Regierung de Gaulle, etwa eine Million Menschen ergreifen auf Solidaritätskundgebungen Partei für die Studenten, und die drei grossen Gewerkschaften rufen den Generalstreik aus; de Gaulle verlässt das Land ...

Aber de Gaulle kommt zurück und kündigt in einer aufrüttelnden Rede an die 'Grande Nation' am 30.Mai umfangreiche soziale Verbesserungen an – die Gewerkschaften sind zufrieden, der Aufstand ist vorbei.
Auch die übrigen Proteste nehmen ein rasches Ende, werden zum Teil äusserst brutal und blutig niedergeschlagen:
In die CSSR rollen am 21. August die Panzer der 'Bruderstaaten' ein und walzen den 'Prager Frühling' nieder.
In den USA kommen bei den Unruhen 46 Menschen zu Tode, 2600 werden verletzt und 21.000 verhaftet.
In Japan begegnet die Polizei den Studenten-Demonstrationen mit äusserster Gewalt und kann den Widerstand erst nach tagelangen blutigen Strassenschlachten unterdrücken.
In Mexiko gibt es 500 Tote, als die Regierung am 2. Oktober gegen eine Massendemonstration von 500.000 Menschen Panzer, Hubschrauber und Maschinengewehre einsetzt.

Was jedoch nicht verstummen will in diesem stürmischen Jahr, in den USA selbst wie überall in der Welt, das sind "die zahlreichen Demonstrationen in Amsterdam, Ankara, Athen, Belgrad, Berkeley, Brüssel, Chicago, Dakar, Istanbul, Kopenhagen, Lissabon, London, Madrid, Manila, Milano, New York, Rio, Rom, Sidney, Tokio, Venedig, Warschau, Washington, Zürich" gegen "das Verbrechen, das die Grossmacht USA in Vietnam beging"*.



HE, KOMMT RUNTER VOM BALKON
UNTERSTÜTZT DEN VIETCONG



Am 5.Februar 1965 demonstrieren 2500 junge Menschen in Berlin gegen die Flächenbombardements der US-Luftwaffe auf vietnamesische Städte und Dörfer, 500 ziehen anschliessend vor das Amerikahaus und setzen die US-Fahne auf halbmast.

Die Öffentlichkeit ist schockiert, die Zeitungen, besonders die des Springer-Konzerns, verurteilen die Demonstranten, und der Regierende Bürgermeister Willy Brandt entschuldigt sich beim US-Stadtkommandanten.

Aber die Proteste gehen weiter, weiten sich aus. Beim Ostermarsch 1966 sind in der ganzen Bundesrepublik an die hunderttausend Menschen auf der Strasse, und am 22.Mai 1966 beim Vietnam-Kongress in Frankfurt hält der Berliner Professor Herbert Marcuse vor 5000 Gewerkschaftern und Studenten das Hauptreferat und endet mit dem Appell:

"Es gibt keine Notwendigkeit ... die rechtfertigen könnte, was in Vietnam geschieht: das Abschlachten der Zivilbevölkerung, von Frauen und Kindern, die systematische Vernichtung von Nahrungsmitteln, Massenbombardierungen eines der ärmsten und wehrlosesten Länder der Welt ... dagegen müssen wir protestieren, selbst wenn wir glauben, dass es hoffnungslos ist, einfach um als Menschen überleben zu können – und vielleicht auch, weil dadurch der Schrecken und das Grauen abgekürzt werden könnten, und das ist heute schon unendlich viel."*

Unsere Sympathien sind eindeutig bei dem kleinen vietnamesischen Volk, das sich verzweifelt gegen die militärische Übermacht der Invasoren wehrt. Wir sammeln Geld für Vietnam, veranstalten Basare und Flohmärkte und schicken den Erlös an Solidaritätsfonds; wir tragen Ringe aus dem Metall abgeschossener US-Bomber, haben Aufkleber 'Amis raus aus Vietnam' auf unseren Autos; auf unseren Demonstrationen lassen wir den vietnamesischen Revolutionär Ho-Tschi-Minh hochleben und tragen die Fahnen Nord-Vietnams und der Südvietnamesischen Befreiungsfront mit; wir denken uns vielfältige Aktionen aus, um die Grausamkeiten dieses Krieges publik zu machen ...
Als sich später auf der grossen Gewerkschafts-Demonstration am 1.Mai 1975 wie ein Lauffeuer herumspricht, dass die letzten Amerikaner soeben fluchtartig Vietnam verlassen haben, fallen wir uns vor Freude in die Arme.

Unser Protest war ein persönliches Bekenntnis gegen diesen bestialischen Krieg in Vietnam und gegen Krieg überhaupt. Ich habe 1967 den Kriegsdienst verweigert, und überall stieg die Zahl der Kriegsdienstverweigerer in diesen Jahren sprunghaft an.

Wir verstanden unseren Protest aber auch als moralischen Appell an die US-Regierung, das Morden endlich zu beenden, und an die amerikanische Bevölkerung, ihre Regierung zur Einstellung des Krieges zu zwingen.

Vor allem jedoch richtete sich unser Protest an die Bundesregierung, die diesen Krieg moralisch und logistisch unterstützte und das 'Engagement' der Amerikaner in Vietnam immer wieder lobte als Beweis für 'die dankenswerte, aufopfernde Bündnistreue der USA im Kampf für unser aller Freiheit' – was von allen Medien und in besonderer Schärfe von den Zeitungen des Springer-Konzerns nachgebetet wurde.



HAUT DEM SPRINGER AUF DIE FINGER


Der Axel-Springer-Verlag hatte 1968 mit

    39% der Tageszeitungen,
    82% der überregionalen Zeitungen,
    90% der Sonntagszeitungen und
    48% der Programmzeitschriften
eine marktbeherrschende Position und damit ein Meinungsmonopol, dessen Tendenz durch das politische Credo des Verlagsinhabers Axel Cäsar Springer vorgegeben war:
christlich-konservativ, pro-westlich und anti-kommunistisch.

Daraus ergab sich die prinzipiell voreingenommene, einseitig negative, falsche und teilweise bewusst verfälschende Berichterstattung der Presse über die gesamte 68-er Bewegung, die sich ja zu grossen Teilen als sozialistisch-revolutionär verstand und zudem noch gegen die westliche Grossmacht USA für das kommunistische Vietnam Partei ergriff.

Springers 'Bild-Zeitung', mit 4 Millionen Lesern die grösste deutsche Tageszeitung überhaupt, diffamierte die Jugendrevolte durch besonders üble Beschimpfungen, Verleumdungen und Fälschungen. Die 'Revoluzzer' wurden als 'Krawallmacher', 'Rabatz-Studenten', 'rote SA', 'langhaarige Affen', 'Politgammler' und 'Pestbeulen' bezeichnet und durchweg als böse Schläger mit dicken Keulen oder struwwelige Bombenleger karikiert.

"Jahrelang hatten die Blätter des frommen, konservativen Grossverlegers gegen die Protestbewegung gehetzt: 'Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise doch vorhandenen Grips locker zu machen' – so Bild 1966."* Als im April 1967 US-Vizepräsident Humphrey Berlin besuchte, wollten die Spassvögel der 'Kommune I' ihn mit Pudding bekleckern. Die 'Bild-Zeitung' machte einen Mordanschlag daraus und brachte tags darauf in Riesenlettern die Schlagzeile:
"Geplant: Berlin – Bombenattentat auf US-Vizepräsidenten"
und kommentierte: "Mit diesen Bombenlegern werden wir fertig! Die Mehrheit der Deutschen hat Verständnis für den Kampf der Amerikaner in Asien."*

Die Protestbewegung wehrt sich. Die Forderung, den Springer-Konzern wegen seiner marktbeherrschenden Stellung zu entflechten, findet in der Losung 'Enteignet Springer!' radikalen Ausdruck und wird bald Bestandteil jeder Demonstration. Selbstverständlich werden alle Springer-Produkte boykottiert, insbesondere die 'Blöd-Zeitung'.

Ihren Höhepunkt erreichen die Anti-Springer-Proteste am Gründonnerstag, dem 11.April 1968.

Die Nachricht, dass an diesem Tag ein Mordanschlag auf Rudi Dutschke verübt wurde, erreicht uns abends während einer Veranstaltung in unserem Club. Wir brechen die Diskussion sofort ab – allen ist klar: Das ist die Frucht der permanenten Hetze der Springer-Presse! Hatte die 'Bild-Zeitung' mit Schlagzeilen wie "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt!", "Jetzt wird aufgeräumt!" und "Man darf nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei überlassen!"* zu Anschlägen wie diesem nicht geradezu aufgerufen?

Wir sind erregt und wütend, und das soll die Welt erfahren. Wir suchen unsere 'Enteignet Springer'-Transparente heraus und unsere roten Fahnen, zerschneiden grosse Pappkartons, nageln sie an Besenstiele und schreiben

MORDANSCHLAG AUF RUDI DUTSCHKE:
'BILD' HAT MITGESCHOSSEN!
und
JETZT IST SCHLUSS:
DER SPRINGER-PRESSE AUF DIE FRESSE!

und Schlimmeres darauf, finden auch noch ein paar Fackeln und ziehen dann los, ein kleines Häuflein von vielleicht 50 Mann, und brüllen unsere Wut durch die menschenleeren nächtlichen Strassen.

Anderen Orts, wo es Redaktionen oder Druckereien des Springer-Konzerns gibt, sammeln sich dort die Demonstranten. Man erwartet sie bereits: Die Gebäude sind mit Stacheldraht umgeben, dahinter sind Polizeiketten aufmarschiert. Das steigert die Wut nur noch. In mehr als 20 Städten bauen die Demonstranten Barrikaden um die Auslieferungslager, um die Verteilung der 'Bild-Zeitung' zu verhindern.

Als die Springer-Lastwagen versuchen, die Sperren zu durchbrechen, und die Polizei die Barrikaden stürmt, kommt es zu erbitterten, blutigen Strassenschlachten: "Auf der Strecke bleiben zwei Tote, über 400 Schwer- und Leichtverletzte und der Anspruch der Bundesrepublik, ein intakter demokratischer Staat zu sein."*

In Essen und Köln gelingt es tatsächlich, die Auslieferung der Bild-Zeitung für einen Tag zu verhindern. In Berlin sind die Auseinandersetzungen besonders spektakulär: Hier gehen die Springer-Lastwagen in Flammen auf. Doch den Plan dazu hatten nicht die Demonstranten ausgeheckt – "er stammte von ganz anderer, höherer Stelle. Der 'Verfassungsschutz'-Agent Peter Urbach hatte einen grossen geflochtenen Weidenkorb dabei, vollgepackt mit zündfertigen Molotow-Cocktails. Er fand unter den Demonstranten bereitwillige Abnehmer für seine heisse Ware. Wenig später brannten die Auslieferungsfahrzeuge des Springer-Verlages, angesteckt mit Peter Urbachs Molotow-Cocktails. Die Fotos der lodernden Lastwagen gingen als Beleg für die 'Gewalttätigkeit der Berliner Studenten' durch die Zeitungen."*

Über 400.000 Menschen beteiligen sich bundesweit an den Protesten, aber Springers Presse-Imperium überlebt alles unbeschadet, auch die Bild-Zeitung bleibt stramm auf Rechtskurs und blamiert sich noch 30 Jahre später mit einer Bildfälschung, die den 'Grünen'-Bundesumweltminister im Kreise vermummter, mit Schlagstock und Bolzenschneider bewaffneter Demonstranten zeigen sollte.*

Immerhin wird im Betriebsverfassungsgesetz von 1972 erstmals gesetzlich geregelt, inwieweit ein Verleger die Tendenz seiner Blätter bestimmen kann und wo dieser Tendenzschutz seine Grenzen findet gegenüber Rechtsgütern wie Pressefreiheit und betrieblicher Mitbestimmung. Dieser erste Versuch, die Macht von Presse-Zaren wie Axel Springer einzuschränken, bleibt noch unbefriedigend, stellt aber dennoch einen bemerkenswerten Fortschritt für Meinungsvielfalt und Demokratie im Pressewesen dar, der nicht zuletzt durch die Anti-Springer-Proteste der 68-er Bewegung angestossen und befördert wurde.



WER HAT UNS VERRATEN? – SOZIALDEMOKRATEN


Im Mai 1965 wird bekannt, dass die SPD umgefallen ist und ihre bisherige strikte Ablehnung der Notstandsgesetze aufgegeben hat: Die Fraktionsspitzen von CDU/CSU und SPD im Bundestag verständigen sich darauf, das Grundgesetz im Sinne einer Notstandsverfassung zu ändern; Benda (CDU) und Schäfer (SPD) arbeiten bereits an einem gemeinsamen Entwurf.

Im Dezember 1966 wird die Umfallpartei belohnt: Sie darf mitregieren, CDU/CSU und SPD bilden eine Grosse Koalition: Der frühere Antifaschist Brandt wird Aussenminister unter dem früheren Nazi Kiesinger, und Notstandsexperte Benda wird Innenminister.

Diese Regierung kann nun praktisch machen, was sie will – das Zusammengehen der beiden grossen Parteien liefert jede erforderliche Mehrheit; das Parlament verkommt zur Akklamationsmaschine, eine Kontrolle der Regierung durch eine wirksame parlamentarische Opposition gibt es nicht mehr.

Es ist kennzeichnend für den rebellischen Geist dieser Zeit, dass sich spontan die APO bildet – eine 'Ausser-Parlamentarische Opposition' all derer, die den Kampf gegen die Notstandsgesetze nicht aufgeben. 1966 wird das Kuratorium 'Notstand der Demokratie' ins Leben gerufen von so namhaften Persönlichkeiten wie Heinrich Böll, Erich Kästner und Martin Walser, den Nobelpreisträgern Max Born und Fritz Strassmann, Weltkirchenratspräsident Martin Niemöller, den Vertretern von sechs DGB-Gewerkschaften, dem SDS und der Ostermarsch-Kampagne für Abrüstung. Ihr erster Kongress 'Notstand der Demokratie' findet am 30.Oktober 1966 in Frankfurt statt, an der Abschlusskundgebung nehmen über 20.000 Menschen teil.

In den folgenden zwei Jahren wächst die APO zu einer breiten Volksbewegung an – am bundesweiten Aktionstag gegen die Notstandsgesetze im Mai 1968 kann sie eine Viertelmillion Menschen auf ihren Protestveranstaltungen versammeln. Ziel all dieser Aktionen ist es, von aussen ins Parlament hineinzuwirken, die Abgeordneten an ihre staatsbürgerliche Verantwortung und an ihr Gewissen zu erinnern, dem allein sie verantwortlich sind, und so die Annahme der Notstandsverfassung zu verhindern.

Die Notstandsgesetze – von uns nur kurz 'NS-Gesetze' genannt – stellen ein ganzes Paket von Verfassungsänderungen und Gesetzen dar, die es im Falle eines inneren oder äusseren Notstandes der Regierung ermöglichen, Grundrechte wie Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Postgeheimnis, Recht auf Freizügigkeit oder freie Berufswahl aufzuheben, in Länderrechte, z.B. das Polizeiwesen, einzugreifen, das Ernährungs-, Wasser- und Verkehrswesen zwangszuverwalten, bis hin zur Beschlagnahme aller Privat-Pkw's, und bei inneren Unruhen Bundesgrenzschutz und Bundeswehr auch gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen; ein 'Rumpfparlament' aus wenigen ausgesuchten Mitgliedern des Bundestages und Bundesrates soll dann derartige Regierungsmassnahmen demokratisch legitimieren.

Durch diese Gesetze, so warnt der Philosoph Karl Jaspers, "kann das Instrument geschaffen werden, mit dem in einem verhängnisvollen Augenblick durch einen einzigen Akt die Diktatur errichtet, das Grundgesetz abgeschafft, ein nicht reversibler Zustand der politischen Unfreiheit herbeigeführt werden kann."*

"Das Gesetzesinstrumentarium wirkte wie geschaffen, um mit verfassungsrechtlichen Mitteln den Ausnahmezustand zu definieren und das Parlament ausschalten zu können. In der Aussicht, dass ein solches Vorhaben einmal Wirklichkeit werden könnte, wurde das alte Trauma endgültig wieder wach. Bestand das Verhängnis des deutschen Parlamentarismus doch gerade darin, dass die Nazis es vermocht hatten, ihre Herrschaft ohne formalen Verfassungsbruch, nämlich durch die Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes anzutreten."*

Was wir in diesen Jahren an Staatsgewalt erleben – prügelnde Polizisten, Wasserwerfer und Tränengas gegen Massendemonstrationen, Freispruch für Todesschützen der Polizei, berittene Polizisten, die rücksichtslos in friedliche Demonstrationen hineinreiten, überall 'Verfassungsschutz'-Agenten, die alles filmen und jeden fotografieren – das schürt nur noch das allgemeine Misstrauen in die Staatsmacht.

Und was überhaupt ist 'innerer Notstand', der nur sehr vage als 'Gefahr für die freiheitlich-demokratische Grundordnung' definiert ist und leichte Handgabe für missbräuchliche Interpretationen bietet:
– ein Generalstreik der Gewerkschaften?
– oder Massenkundgebungen gegen die Regierungspolitik?
– oder ein Marsch von zigtausend Demonstranten auf Bonn?

Der nämlich findet am 11.Mai 1968 statt: Das Kuratorium 'Notstand der Demokratie' hat zu einem 'Sternmarsch auf Bonn' aufgerufen.

Spät abends sammeln wir uns, fahren die ganze Nacht hindurch und sind morgens in Bonn, werden weit vor der Stadtgrenze von Polizisten angehalten, die unseren Bus auf einen Parkplatz dirigieren, und laufen kilometerweit, bis wir auf den machtvollen Demonstrationszug stossen: 'Benda, wir kommen!'

NIE WIEDER NS-GESETZE!

steht auf den Transparenten,

MEIN AUTOMOBIL BLEIBT ZIVIL!

und
NOTSTANDSGESETZE =
NOTSTAND DER DEMOKRATIE!

Sozialdemokraten tragen Schilder:

ICH BIN SPD-MITGLIED:
KEINE ZUSTIMMUNG ZU NS-GESETZEN!

Zur Abschlusskundgebung sammeln sich schliesslich 70.000 Menschen im Hofgarten, passen gar nicht alle auf den riesigen, von Bäumen gesäumten Platz und drängen sich noch auf den Wegen und in den Seitenstrassen ...
Zu gleicher Zeit versammeln 15.000 Gewerkschafter auf einer Protestveranstaltung des DGB in Dortmund, und in Frankfurt, München, Göttingen, Hamburg, Berlin und Freiburg gibt es weitere Protestkundgebungen mit insgesamt 150.000 Teilnehmern.

Jetzt vergeht kaum ein Tag ohne Demonstrationen und Kundgebungen gegen die Notstandsgesetze. In Berlin, München, Essen, Frankfurt, Esslingen, Hannover, Hamburg und vielen anderen Städten finden Protestversammlungen statt. Anlässlich der 2. Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag kommt es in etlichen Betrieben zu Warnstreiks ...

Doch ungerührt durch alle Proteste nimmt der Bundestag am 30.Mai 1968 die Notstandsgesetze an. Einige Sozialdemokraten stimmen dagegen – gerade so viele, dass die Annahme nicht gefährdet ist ...

Die Hoffnung der vielen linken Sozialdemokraten und Gewerkschafter, der Nobelpreisträger und Schriftsteller, der Christen und Liberalen und der gesamten 68-er Bewegung, gemeinsam als Ausser-Parlamentarische Opposition die Notstandsverfassung verhindern zu können, ist zerstoben.

Doch die APO lebt weiter, und das Bündnis wird noch breiter, wenn es darum geht, rechtsradikale Tendenzen zu bekämpfen.



EIN ADOLF WAR SCHON ZUVIEL


Was immer sich die neuen Rechten unter Hitlers Drittem Reich vorstellen – hinter der protzigen Fassade der Aufmärsche und dem zackigen Herrenmenschen-Gehabe der grossen und kleinen Führer war das Leben damals ärmlich, kleinkariert, prüde, verlogen und spiessbürgerlich bis auf die Knochen.
Alles war reglementiert, selbst die Gefühle waren genormt, wen man zu bejubeln und wen zu hassen hatte, und jeder hatte sich beflissen einzufügen und durfte sich keinen Ausrutscher erlauben.
Jeder passte auf den anderen auf: Ich konnte kaum sprechen, da krähte ich schon, als eine Frau hereinkam und 'Guten Tag' sagte, durch den rammelvollen Bäckerladen: "Heiss nich 'Duten Tag', heiss 'Heil Hitler'!", worauf die arme Frau dann tatsächlich mit hochrotem Kopf pflichtgemäss ihr 'Heil Hitler' stammelte.
Das war die Nazi-Zeit: eine spiessige, kleinkarierte Welt voller Denunzianten, Aufpasser und Duckmäuser ...

Dieses Klima des ängstlichen Gehorsams jeder Obrigkeit gegenüber und des kollektiven Hasses dieser Millionen grauer Mäuse auf alle bunten Vögel, die es wagen sollten, die allgemeinen Normen zu durchbrechen – dieser erstickende Mief lag auch noch über den 50-er Jahren. Zwar war die Führungsriege des Dritten Reiches abgetreten, doch nun kamen die Männer aus dem zweiten Glied ans Ruder:

  • Oberländer, Adenauers Vertriebenen-Minister, musste seinen Hut nehmen, als bekannt wurde, dass er als SA-Hauptsturmführer mit seiner Sondereinheit mindestens 3000 polnische Männer, Frauen und Kinder ermordet hatte;
  • Globke, Staatssekretär des Bundeskanzlers Adenauer, war nicht länger zu halten, als die Öffentlichkeit erfuhr, dass er der Kommentator der berüchtigten Nürnberger Rassegesetze war;
  • Krüger musste seinen Ministersessel in Ehrhards Kabinett wieder räumen, als publik wurde, dass er als Sonderrichter in Polen für Todesurteile und Hinrichtungen verantwortlich gewesen war;
  • Lübke dagegen wurde als Bundespräsident sogar wiedergewählt, obwohl er den durch Dokumente belegten Vorwurf, Baupläne für das KZ-Aussenlager Peenemünde ausgearbeitet zu haben, nie entkräften konnte;
  • Carstens, vormals in der noblen Reiter-SA, wurde ebenfalls Bundespräsident;
  • Kiesinger wurde Bundeskanzler trotz seiner früheren Mitarbeit in Goebbels' Propagandaministerium ...

Alle diese Herren waren selbstverständlich Mitglieder der NSDAP gewesen, Oberländer und Krüger schon Teilnehmer am Hitler-Putsch 1923 und Träger des exklusiven 'Blutordens' – trotzdem hatte man sie der höchsten Ämter im Staate für würdig befunden. Und das war nur die Spitze des braunen Haufens:

  • Die Nazi-Polizisten waren wieder Polizisten,
  • die Nazi-Richter immer noch Richter,
  • die Nazi-Pofessoren auch immer noch Pofessoren,
  • die Nazi-Lehrer waren bald wieder Lehrer,
  • und Nazi-Generäle waren auch bald wieder Generäle ...
  • und die Väter, die uns zu Zeiten der grossen Siege ihr Uniformschiffchen auf den Kopf gesetzt hatten und 'Links zwo drei ... Halt! Stillgestanden!' mit uns exerzierten, tönten heute noch im selben Kasernenhofton: 'Sitz gerade!', 'Geh mal zum Friseur!', 'Gib keine Widerworte!', 'Mach die Negermusik aus!'.

In diesem Klima gründet sich 1964 die NPD. Sie gibt sich seriös und bieder, modern und demokratisch und bekennt sich offiziell zum Grundgesetz, vertritt aber in ihren Publikationen und bei öffentlichen Veranstaltungen unverhohlenen Rassismus und Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Kampf gegen 'Rassenvermischung', Kampf gegen die Gewerkschaften und die traditionellen Arbeiterparteien, Verharmlosung und Infragestellung der Nazi-Verbrechen und die Forderung nach Wiederherstellung Deutschlands in den Grenzen von 1914 mit Gebietsansprüchen an Belgien, Frankreich, Tschechien, Polen, Litauen und Dänemark.

Am 27.September 1968 erklären das Landgericht Hannover und am 28.Februar 1969 das Oberlandesgericht Celle:

    "Die NPD ist arbeitnehmerfeindlich, antidemokratisch, neonazistisch, rechtsradikal."
Und doch findet diese Partei in dieser braun grundierten Nachkriegsgesellschaft genug Wähler, um auf Anhieb in sieben der neun Landtage der damaligen BRD gewählt zu werden, und setzt nun alles daran, 1969 in den Bundestag einziehen zu können.

Die NPD scheint über unerschöpfliche Geldquellen zu verfügen, lässt die Innenstädte und selbst Landstrassen kilometerlang mit Plakaten bepflastern, die ihren Spitzenkandidaten Adolf von Thadden in teurem Vierfarbdruck zeigen, lässt Tausende von Flugblättern von Lastwagen flattern und Kandidatenbriefe per Postwurfsendung verteilen.

Den 68-ern müssen kleine Spuckzettel genügen, die sie dem NPD-Adolf auf die Nase pappen, mit einem stilisierten, rot durchgestrichenen Hitler-Kopf drauf und dem Spruch 'Ein Adolf war genug!' – später, nach einigen internen Diskussionen, wird daraus 'Ein Adolf war schon zuviel!'

Wo immer die NPD sich öffentlich zeigt, sind auch Gegendemonstranten mit Transparenten und Trillerpfeifen dabei. Jedesmal sind dichte Polizeiketten aufmarschiert, und Wasserwerfer, Hundestaffeln und Mannschaftswagen mit Verstärkung sind in den Seitenstrassen versteckt, um dieser gerichtsnotorisch antidemokratischen Partei eine demokratische Plattform zu sichern, notfalls mit aller Gewalt.

Die Aktionen gegen die NPD erregen Aufsehen. Natürlich stellt die Presse die APO als die Unruhestifter hin, nicht die rechten Biedermänner in Leder und Loden mit ihren Brandstifterparolen. Dennoch gelingt es, viele Demokraten wachzurütteln und darauf aufmerksam zu machen, was sich da am rechten Rand des politischen Spektrums entwickelt. Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen werden hier zu Verbündeten, und von Mal zu Mal werden die Demonstrationen mächtiger.

Schliesslich ist es geschafft: Bei der Bundestagswahl 1969 verfehlt die NPD, wenn auch nur knapp, die Fünf-Prozent-Hürde und bleibt draussen. Bei den nächsten Landtagswahlen scheidet sie nach und nach auch aus den Länderparlamenten wieder aus, Bald schwächen Abspaltungen enttäuschter Parteigenossen die NPD, die mal so forsch als grosse Sammlungsbewegung für alle Rechten angetreten war zum Siegesmarsch durch alle Parlamente – bis die 68-er Bewegung sie stoppte.



WER ZWEIMAL MIT DERSELBEN PENNT
GEHÖRT SCHON ZUM ESTABLISHMENT



Die Befreiung der Sexualität war sicherlich einer der aufregendsten Aspekte der 68-er Revolution. Denn neben der braunen Vergangenheit, die man durch kollektives Verschweigen glaubte, aus der Welt schaffen zu können, war Sexualität das stärkste Tabu der Nachkriegszeit.

Über sexuelle Dinge wurde grundsätzlich nicht gesprochen. Wir wurden weder zu Hause noch in der Schule aufgeklärt, und nie haben wir Vater oder Mutter unbekleidet gesehen.

Als Jungen hatten wir höchst abenteuerliche Vorstellungen über das Sexualleben, zusammengetragen aus zufällig aufgeschnappten Erwachsenengesprächen, belauschten Eltern oder neugierigen Blicken durch Astlöcher in Umkleidekabinen. Jeder neue Einblick in diese verbotene Welt war eine Sensation und wurde sofort allen Freunden mitgeteilt. Trotzdem blieb alles ungewiss und geheimnisvoll. Selbst die Geburt blieb uns rätselhaft, da wir keine Ahnung von der weiblichen Anatomie hatten: Babys wurden wohl entweder herausoperiert oder durch den After geboren. Dagegen war die repressive Unweisheit in aller Munde, dass Onanieren zu Rückenmarkschwund und frühem Tod führe.

Noch zu Anfang der sechziger Jahre bekam ich als Student ein Zimmer nur unter der Auflage, dort niemals Damenbesuch zu empfangen, und die Vermieter hatten gute Gründe dafür: Wer unverheirateten Paaren die Möglichkeit zum Beischlaf bot, machte sich nach dem Kuppelei-Paragrafen 201 StGB strafbar und riskierte bis zu fünf Jahre Zuchthaus. Paare mussten sich bei einem Vermieter schon als Ehepaar ausweisen können, sonst bekamen sie keine Wohnung.

Als 1961 die Anti-Baby-Pille aufkam, wurde sie auf Anweisung der Ärztekammer grundsätzlich nur verheirateten Frauen mit Kindern verschrieben, und auch dann hing es noch sehr von den persönlichen moralischen Prinzipien des einzelnen Arztes ab, ob er die Pille verschrieb, wenn nicht zwingende medizinische Gründe dafür vorlagen – Tips, wie man diese vortäuscht, wurden damals ebenso heiss gehandelt wie die Adressen der wenigen Ärzte, die mit den Rezepten freigiebiger waren.

Jedermann spielte den Tugendwächter, und jeder hatte die erzwungene Moral der Enthaltsamkeit verinnerlicht. Noch 1966 waren nach einer Umfrage 66% der Studentinnen Jungfrauen, und wir Studenten diskutierten ganz ernsthaft über die allgemein verbreitete Ansicht, vorehelicher Geschlechtsverkehr sei schädlich, weil dadurch das Schönste an der Zweisamkeit vorweggenommen würde und die Ehe dann schal und langweilig wäre.

Dabei schliefen wir natürlich alle längst mit unserer Angebeteten, sooft wir die Keuschheitsvorkehrungen der Erwachsenen überlisten konnten, aber immer mit dem schlechtem Gewissen, gegen alle Moral und Gesetzlichkeit zu verstossen und – auch angesichts der mangelnden Aufklärung über Verhütungsmassnahmen – böse Konsequenzen heraufzubeschwören. Nach aussen jedenfalls mussten wir unbedingt den Schein der Enthaltsamkeit wahren. Die spiessige Moral der Erwachsenen erzog uns systematisch zu Heuchelei, Betrug und Duckmäusertum, das war uns bald klar.

Darum ist es wie eine Explosion, als die Jugend plötzlich den Mut findet, die Heuchelei abzuschütteln und sich das Recht zu nehmen, sich zu lieben, wie und wo und wann sie will.

Zündfunke ist die 'Kommune I', die sich um die Jahreswende 1966/67 in der Berliner Wohnung des Schriftstellers Uwe Johnson gründet. Hier finden sich Studentinnen und Studenten, die sich als Künstler in der Tradition von Dadaismus und Surrealismus verstehen und nun durch eine spektakuläre, provozierende Selbstdarstellung eine 'Subversive Aktion' zur Befreiung der 'Sexualität als Dreh- und Angelpunkt aller inneren wie äusseren Unterdrückung' starten.

'Kommune I' stellt sich bewusst ins Rampenlicht der Medien und versteht es, sich rasch zum Bürgerschreck Nr.1 hochzustilisieren: Dieses wüste Zusammenleben von jungen Männern und Frauen, die freie Liebe auf einem riesigen Matratzenlager, mit so schrägen Gestalten darunter wie dem 'Spass-Guerillero' Fritz Teufel und dem 'Obermufti des Chaos' Dieter Kunzelmann, dazu ihre unerhörten Nacktfotos, ihre schrillen, makabren Selbstinszenierungen ...

Die Presse präsentiert das alles genüsslich der schockierten Öffentlichkeit bundesweit als Gipfel kommunistischer Unmoral – und bringt die aufmüpfige Jugend auf ganz neue Ideen.

Überall entstehen Wohngemeinschaften, zuerst in illegal besetzten leerstehenden Häusern, dann auch ganz legal: Ein verheiratetes Paar mietet die Wohnung an und holt die anderen als 'Untermieter' nach. Mancher Vermieter drückt auch ein Auge zu, denn Wohngemeinschaften bevorzugen gerade die riesigen Altbauwohnungen, die sonst so schwer zu vermieten sind. Bald kann der Kuppelei-Paragraf gar nicht mehr angewendet werden: 1972 sind bereits 300.000 Wohnungen an Nicht-Verheiratete vergeben, und 1974 wird, von der stürmischen Entwicklung überrollt, der veraltete Begriff der Kuppelei offiziell aus dem Strafgesetz gestrichen.

In den Wohngemeinschaften probt man ganz neue Formen des Zusammenlebens: Hier ziehen junge Familien zusammen und teilen sich Küchenarbeit und Kinderbetreuung, dort finden sich lauter Alleinstehende; da herrscht inniges Leben und Lieben innerhalb der Gruppe, woanders liebt und lebt jeder für sich; hier werden Dienstpläne für Staubsaugen und Fensterputzen aufgestellt und abgehakt, dort geht alles seinen chaotischen Gang ...

Eine jugendgemässe Alternative zu Familie und Ehe ist gefunden und wird, anfangs noch verschrien als 'anarchistische Kommune', bald als ganz normale 'WG' akzeptiert, wo man billig wohnt und immer eine sturmfreie Bude hat für die Liebe.

Mit jugendlicher Unbekümmertheit und revolutionärer Radikalität erobern wir uns diese neue Welt der Sexualität, überwinden unsere Verklemmtheit, brechen lachend alle Tabus, werfen alle Konventionen über Bord.

Vorehelicher Geschlechtsverkehr ist nun längst kein Thema mehr. Man geniesst die Freiheit, lässt sich Zeit, bis man den richtigen Partner gefunden hat, und warum soll man überhaupt noch heiraten? Die Ehe als bisher einzige 'Lizenz zum Lieben' verliert an Bedeutung, auch wer verheiratet ist, sieht das nicht mehr so eng.

Homosexuelle Paare wagen sich zu offenbaren, ziehen zusammen, und niemand findet etwas dabei, obwohl gleichgeschlechtliche Liebe nach dem Strafgesetzbuch noch immer als 'widernatürliche Unzucht' verfolgt und hart bestraft wird. Doch auch diese Schranke wird durch die sexuelle Revolution einfach überrollt: 1968 wird der Paragraf 175 StGB gestrichen, und bald entstehen Schwulen- und Lesben-Vereinigungen, Cafés und Clubs mit dem Regenbogen-Zeichen als öffentliche Treffpunkte, und 1971 kommt ein Film von Rosa von Praunheim in die Kinos: 'Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt'.

Sexualität ist plötzlich das Thema Nr.1: Jugendzeitschriften bringen Aufklärungsserien und Verhütungstips, und die Schulen bekommen neue Biologiebücher. Kunstwerke, Aktbilder und Skulpturen, die in den prüden Jahren als 'Pornografie' beschlagnahmt worden waren, werden zurückgegeben und öffentlich ausgestellt.

Ob unsere Eltern immer noch das Unnennbare nicht aussprechen können, ob manche Lehrer sich immer noch um den Aufklärungsunterricht herumdrücken, ob die Reaktionäre sich medizinisch verkleiden ('Promiskuität fördert die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten!') oder moralistisch geben ('Wer viel wechselt, wird bald Kleingeld!') – wen kümmert das noch?
Sie haben verloren. Wir haben die Festungen ihrer veralteten Moral gestürmt und bis auf den Grund geschleift, Kein Sieg der 68-er Revolution ist so total und so offensichtlich wie die Befreiung der Sexualität.



MEIN BAUCH GEHÖRT MIR


Das freie Leben in Wohngemeinschaften und die Befreiung der Sexualität eröffnen den Frauen eine ganz neue Lebensperspektive. Schrieben Gesetze und herrschende Moral ihnen bisher vor, bis zur Heirat den Eltern und nach der Heirat dem Manne untertan zu sein, so erfahren sie jetzt ihre Selbstständigkeit und gewinnen Selbstbewusstsein. Sie ergreifen einen Beruf und werden ökonomisch unabhängig, leben genau so frei wie der Mann, können selbst ihre Partner wählen und – dank der mittlerweile auch allgemein verfügbaren Pille – angstfrei lieben.

Selbst eine Frau mit Kindern kann berufstätig bleiben, auch wenn sie keinen Platz in einem der wenigen Kindergärten für sie findet: Entweder übernimmt die Wohngemeinschaft die Kinderbetreuung, oder sie macht, zusammen mit anderen, einen eigenen Kindergarten auf. Dies ist die Zeit, in der überall im Land Tausende von 'Kinderläden' entstehen, organisiert von jungen Müttern und Vätern, die leerstehende Ladenräme, hell und zentral gelegen, anmieten und dort die Kinderbetreuung selbst übernehmen. Viele dieser 'freien' Kindergärten werden zu festen Einrichtungen und halten noch lange an den freiheitlichen Erziehungsidealen der 68-er Bewegung fest. Doch jetzt entdecken auch Kommunen und Kirchen den Bedarf und treiben den flächendeckenden Ausbau des Kindergartennetzes voran.

Mit diesem neuen Selbstbewusstsein gehen die 68-er Frauen daran, erstmal in der Bewegung selbst die Männerherrschaft zu brechen: Studentinnen im SDS gründen in Berlin einen 'Aktionsrat zur Befreiung der Frau' und in Frankfurt einen 'Weiberrat', um gegen die autoritären Verhaltensstrukturen ihrer männlichen Genossen zu protestieren. Wer den 'Weiberrat' nicht ernst nimmt, wird ausgepfiffen und mit Tomaten bombardiert.

Wesentlicher allerdings sind die Widerstände in der von Männern und Männerinteressen beherrschten Gesellschaft. Diese Gesellschaft spricht Frauen zum Beispiel das fundamentale Recht ab, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Darum wird schon bei den 68-er Demonstrationen die Forderung laut, den besonders frauenfeindlichen Paragrafen 218 abzuschaffen, der die Frauen zwingt, ein Kind auch gegen ihren Willen auszutragen, und jeden Versuch einer Abtreibung strikt verbietet und unter schwere Strafe stellt. Als dann die 68-er Revolten dann langsam abebben, verselbstständigt sich die Frauenbewegung und macht "sich lächelnd an die gewaltfreieste und erfolgreichste Revolution des 20.Jahrhunderts"*.

Etwa ab 1971 entwickelt sich mit Demonstrationen und Kundgebungen gegen den Abtreibungsparagrafen 218 eine breite Kampagne, in der die Journalistin Alice Schwarzer bald die Sprecherrolle übernimmt und das Anliegen der Frauenbewegung in Veröffentlichungen und spektakulären Fernsehauftritten vertritt.

1974 ist das Tabu gebrochen. Gegen den erbitterten Widerstand aller Abtreibungsgegner – die fast ausnahmslos Männer sind – wird der Paragraf 218 so modifiziert, dass in den ersten drei Monaten einer Schwangerschaft unter bestimmten Voraussetzungen eine Abtreibung erlaubt wird.

1975 klagt Alice Schwarzer in ihrem viel diskutierten Bestseller "Der 'kleine Unterschied' und seine grossen Folgen" die von sexueller Gewalt geprägte Vorherrschaft der Männer in der Familie an.

1977 fällt mit dem Vorrecht des Mannes, automatisch als Haushaltungsvorstand zu fungieren, die Jahrtausende alte patriarchalische Familienordnung. Der Ehemann kann nun nicht mehr – was bis jetzt sein gesetzliches Recht war – seiner Frau z.B. die Berufstätigkeit verbieten, sondern beide Ehepartner regeln Haushalt und Beruf nun 'im gegenseitigen Einverständnis': Der Weg zu einer partnerschaftlichen, demokratischen Familienordnung ist geöffnet.

Vieles bleibt noch zu tun, um die Gleichberechtigung der Frau im Alltag Wirklichkeit werden zu lassen. Aber was die Frauen "nach 4000 Jahren unerschütterlicher Männerherrschaft" in dieser kurzen Zeit "erreicht haben, ist überwältigend. Und das, obwohl ihnen von Anfang an schärfster Gegenwind ins Gesicht blies", kann Alice Schwarzer 30 Jahre später resümieren. "Die Erwartung, mit der eine junge Frau heute in die Welt geht, unterscheidet sich fundamental von dem, was ihre Altersgenossin in den Fünfzigern und Sechzigern auch nur hoffen konnte. Innerhalb einer einzigen Generation hat es eine Revolution in den Köpfen gegeben."*



REVOLUTION IST MACHBAR, HERR NACHBAR


1918 soll Lenin einmal gespöttelt haben: "Wenn die Deutschen bei ihrer Revolution einen Bahnhof besetzen wollen, dann kaufen sie sich vorher eine Bahnsteigkarte".
1968 hätte er nicht schlecht gestaunt: Unsere politischen Ziele waren uns allemal wichtiger als Vorschriften und Gesetze.

"Zivilcourage", nämlich "das Richtige sagen und tun, gerade auch dann, wenn dies in Opposition zur herrschenden Meinung geschieht", "muss sich, in bestimmten Situationen, auch über Gesetze hinwegsetzen", urteilt Rechtsanwalt und MdB Hans-Christian Ströbele heute. "Das war nicht nur in der Nazi-Zeit so, sondern auch in den 60er, 70er Jahren."*

  • Einen Alt-Nazi wie den damaligen Bundeskanzler Kiesinger, der schon unter Goebbels Propaganda gemacht hatte, bei seinen Wahlkampfreden mit Tomaten und Pfeifkonzerten zum vorzeitigen Rückzug zu bewegen
    – das war sicher mindestens Landfriedensbruch und Nötigung ...
  • Ihn in der Öffentlichkeit zu ohrfeigen
    – das war Körperverletzung ...
  • Nachts den Klebekolonnen der rechtsradikalen Parteien nachzufahren und ihre Plakate, kaum geklebt, wieder abzureissen
    – das könnte man als Sachbeschädigung auslegen ...
  • In ein Uni-Seminar einzudringen, um dann statt altgotischer Grammatik dort die brandaktuellen Notstandsgesetze zu diskutieren
    – das war mindestens Hausfriedensbruch ...
  • Eine Strassenkreuzung durch eine Sitzblockade zu sperren
    – das war sicher gegen die Strassenverkehrsordnung ...
  • Eine rote Fahne vom Auto herunterzureissen und den Stock übers Knie zu brechen
    – das war mindestens Sachbeschädigung ...

    den Fahrer dann auch noch anzuschreien: 'Wenn du jetzt noch was vor die Fresse kriegen willst, dann komm raus!'
    – das war eine böse Gewaltandrohung ...

     ... mir ins Gesicht gebrüllt von einem Polizisten beim Ostermarsch 1968. Ich bin ausgestiegen, da wollte nur noch meinen Führerschein sehen. Es waren eben aufgeregte Zeiten damals, und wir sahen das alle nicht so eng.

Wenn es uns überhaupt bewusst wurde, eine Vorschrift zu übertreten, so nahmen wir das schon mal in Kauf, auch die Strafanzeigen, die es nach mancher Aktion hagelte.
Da half dann die Solidarität: Junge Anwälte leisteten Rechtshilfe, und notfalls wurde gesammelt, um die Bussgelder zu bezahlen.
Als 1967 ein Demonstrant angeklagt wurde, mit seinem Schild 'Der Schah ist ein Mörder' den hohen Staatsgast beleidigt zu haben, schickten wir der Staatsanwaltschaft binnen kurzem 72.000 Selbstanzeigen, in denen wir uns alle derselben Aussage bezichtigten – die Anklage musste fallengelassen werden, ebenso wie 1971 die Ermittlungen gegen Alice Schwarzer, die öffentlich erklärt hatte, gegen den Abtreibungs-Paragrafen 218 verstossen zu haben, eingestellt wurden, als 374 weitere Frauen öffentlich bekannten: "Auch wir haben abgetrieben!" und die Justiz eine ähnliche Lawine von Selbstanzeigen befürchten musste.

Damit wollte niemand das Rechtssystem aushebeln. Auch die 'Systemveränderer', die mit Macht einen anderen Staat wollten, hatten keine Pläne für gewaltsamen Umsturz: Alle Hoffnungen, alle Aktionen waren darauf gerichtet, mit dem revolutionären Schwung der 68-er Bewegung jene umfassende Demokratisierung des ganzen Landes zu erreichen, aus der das neue, freie Gemeinwesen erwachsen sollte.

"Revolution", sagte Rudi Dutschke damals, "könnte nur heissen: Eine Mehrheit dieser bestehenden Bevölkerung ist bewusst geworden in einem langen Prozess von Aufklärung und Aktion und akzeptiert die bestehenden Institutionen nicht mehr – erst dann ist Revolution möglich"*. Aber "wenn die freie Gesellschaft sehr unwahrscheinlich ist, bedarf es um so grösserer Anstrengungen, die historische Möglichkeit zu verwirklichen", "und wenn wir es nicht schaffen, dann haben wir eine historische Periode verloren."*.

Es gibt es keinen Aufruf zu Gewalt, auch nicht für den Fall, dass der friedliche Weg scheitern sollte, sondern immer wieder die feste Orientierung auf die langfristige Strategie eines gewaltlosen und geduldigen Kampfes für mehr Demokratie. Und erst als sich der Sturm der Ereignisse langsam legt, wird sichtbar, wie vielgestaltig die 68-er Bewegung eigentlich ist und wie unterschiedlich die Vorstellungen der einzelnen Strömungen sind darüber, wie diese Mobilisierung der Bevölkerung für die umfassende Demokratisierung unserer Gesellschaft vor sich gehen könnte:

  • Etwa 60.000 junge Menschen schliessen sich den ab 1968 aus dem Boden schiessenden zahlreichen kommunistischen Gruppen und Parteien an und setzen auf den 'schlafenden Riesen' – auf die Arbeiterklasse, die man nur aufklären und mobilisieren müsse, damit sie als demokratische Mehrheit in diesem Land die Macht übernehme.
  • Die SPD bekommt 300.000 neue Mitglieder – jeder dritte SPD-Genosse ist plötzlich ein 68-er. Sie wollen auch hier eine Rückbesinnung auf die Arbeiterklasse durchsetzen und die revolutionären Traditionen der alten Arbeiterpartei wieder aufleben lassen.
  • Einige tausend radikal-demokratische Jugendliche treten in die damals stark rechts orientierte FDP ein, deren Vorsitzender Mende sich gern mit Hitlers Ritterkreuzorden zeigt; die Jungen, partei-intern als 'Rote Garde' verschrieen, bringen 'mit Mendes Ende die grosse Wende': Die F.D.P. bekommt 1968 drei Pünktchen, einen neuen Vorsitzenden und einen links-liberalen Kurs, der sie 1969 in eine Regierungskoalition mit der SPD führt.
  • Aber der grösste Teil der 68-er Bewegung mag sich nicht in hierarchische Parteistrukturen einbinden lassen. Sie sehen den Ansatz für die allgemeine Demokratisierung eher in der individuellen Selbstverwirklichung, und viele befassen sich mit Psychologie und Psychoanalyse, um erst das eigene Ich und dann, einen nach dem anderen, die ganze Gesellschaft von unten her zu verändern.
  • Die ökologische 'grüne' Bewegung beginnt damit, dass ein Teil der 68-er aufs Land zieht, um mit bewusstem Konsumverzicht, mit selbstgewebten Kleidern und biologischen Anbaumethoden der masslosen Wegwerfgesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und sie zurück zum einfachen Leben, zurück zur Natur zu führen, damit dort ein neues gesellschaftliches Bewusstsein aufkeime.
  • Anarchisten knüpfen Netzwerke, unsichtbar und verflochten wie Graswurzeln, zur gegenseitigen Information, Beratung und Mobilisierung für die 'Graswurzel-Revolution', in der durch Macht von unten alle Formen von Gewalt und Herrschaft abgeschafft werden sollen.
  • Die sich nach 1968 eigenständig entfaltende Frauenbewegung kämpft gegen Männerprivilegien und Frauendiskriminierung in der Bundesrepublik und will mit der vollen Durchsetzung des Grundrechts auf Gleichberechtigung im Alltag eine partnerschaftlich-solidarische demokratische Gesellschaft erreichen.

Wer sich bis dahin nicht in einer dieser Richtungen fest engagiert hat, zieht sich bald ins Private zurück.

Der Wirbelsturm der Revolution ist vorbei. Aber die Arbeit geht weiter.



KEINE GEWALT


Mit den Polit-Desperados der siebziger Jahre und ihren spektakulären Aktionen haben wir nur noch wenig gemeinsam. Ihre Protesthaltung macht sie uns sympathisch, ihre Methoden stossen uns ab. Diese neue Generation spricht eine andere Sprache, wählt andere Mittel, hat andere Ziele.

Von all den Namen, die in diesem Jahrzehnt des Terrors Schlagzeilen machen, ist mir aus den sechziger Jahren überhaupt nur Ulrike Meinhof bekannt. Seit ihrer ersten öffentlichen Rede als kaum zwanzigjährige Studentin auf der Anti-Atomwaffen-Kundgebung in Münster im Mai 1958 hat sie sich als Journalistin in vielen klugen Artikeln für Frieden und soziale Gerechtigkeit engagiert. Aber als nach den Schüssen auf Benno Ohnesorg und Rudi Dutschke auch unter den 68-ern viel über Gewalt und Gegengewalt diskutiert, Gewalt gegen Menschen aber immer wieder prinzipiell abgelehnt wird, geht sie ihren eigenen Weg, taucht Ende 1969 ab in den Untergrund, um mit einer winzigen Gruppe, die sich grossspurig 'Rote Armee Fraktion' nennt, gezielte Attentate auf die Mächtigen dieses Landes auszuüben und so das Volk zur bewaffneten Revolution zu ermutigen. Diese verstiegene Ideologie überzeugt niemanden, die Gruppe bleibt völlig isoliert und führt schliesslich einen aberwitzigen Krieg der "6 gegen 60 Millionen"*. Als Ulrike Meinhof 1972 verhaftet wird, werden ihr 5 Morde und über 50 Mordversuche angelastet. 1976 erhängt sie sich in ihrer Zelle.

Indessen mordet eine 'zweite Generation der RAF' weiter, und ab 1973 machen 'Revolutionäre Zellen' von sich reden, die mit Sprengstoff- und Brandanschlägen auf ausgesuchte Objekte andere zur Nachahmung ermutigen wollen – sie bomben noch in den neunziger Jahren, aber die erhoffte Kettenreaktion mit dem Ziel einer breiten militant-revolutionären Protestbewegung bleibt aus.

Gleichzeitig entstehen die bunten 'Sponti'-Gruppen, die leerstehende Häuser besetzen und mit einfallsreichen Aktionen für mehr Kindergärten und gegen Fahrpreiserhöhungen oder Kernkraftwerke protestieren. Doch als harter Kern dieser Gruppen bilden sich bald jene Strassenkämpfer heraus, die vor allem den Nahkampf mit der Polizei suchen – bis sie sich 1976 selbst eingestehen, dass sie bloss "zwischen Hoffnungslosigkeit und blindem Aktionismus hin- und herschwenken"*.

Alle Gewaltaktionen müssen letztendlich scheitern. Gewalt, als ein Privileg des Staates, ist eine Sprache, die der Staatsapparat in jedem Fall besser beherrscht als ein paar zornige Amateure. Unsere 68-er Revolution war ja gerade deshalb erfolgreich, weil wir keine aggressiven Gewaltaktionen planten – gegen die fröhliche, gewaltlose Massenbewegung von Millionen junger Menschen blieben die Waffen der Staatsgewalt letztlich machtlos.

Die Gewalttäter der 70er Jahre erreichen nur eines: Die von der 68-er Revolution an die Wand gedrängten konservativen Kräfte können nun endlich zum Gegenschlag ausholen:

  • Steckbriefe mit den Fotos der Terroristen – maximal 30 an der Zahl – hängen in jedem Laden und an jeder Plakatsäule. Wenn gerade kein Brandanschlag oder Mordversuch zu melden ist, halten die Medien das Interesse wach mit Mutmassungen über wahrscheinliche Verstecke der Terroristen, die von der aufgescheuchten Bevölkerung allerorten gesichtet werden. Bald weiss jeder, woran man eine konspirative Wohnung erkennt, und wie Holger Meins mit und ohne Bart aussieht, und schaut jedem BMW-Fahrer scharf ins Gesicht. Bei jedem Banküberfall oder Waffendiebstahl sind's erstmal die Terroristen gewesen, oder ihre Sympathisanten, die's ja überall im Lande geben soll. Die Hatz auf alle Linken wird zur Bürgerpflicht. Wer sich als Sozialist oder gar Kommunist zu erkennen gibt, gilt schon als potentieller Terrorist.
  • In diesem aufgeheizten Klima können die konservativen Landesregierungen 1972 Kanzler Brandt zum 'Radikalen-Erlass' bewegen: Bundesweit werden daraufhin insgesamt eineinhalb Millionen Beamtenanwärter geheimdienstlich überprüft, und wer sich früher links von der SPD engagiert hatte, bekommt Berufsverbot – bis Brandt selbst, vom Ausland getadelt und mehrfach offiziell von der Internationalen Arbeits-Organisation der UNO gerügt, dies 1978 als 'Irrtum' einsieht – was die meisten CDU-regierten Länder aber nicht hindert, bis weit in die 80er Jahre hinein an der Beamtenbespitzelung und Berufsverbotspraxis festhalten.
    Formell ist der 'Radikalen-Erlass' bis heute nicht aufgehoben. Er wird nur (zeitweilig?) nicht angewendet.
  • Unter dem Vorwand, 30 (in Worten: dreissig) Terroristen zu jagen, wird der Staatsapparat notstandsmässig ausgebaut:
    Innerhalb der fünf Jahre 1969-1974 erhöhen die Länder ihre Ausgaben für Polizei von 2,5 auf 5,1 Mrd. DM;
    der Etat für den Geheimdienst 'Verfassungsschutz' wird verdoppelt,
    der Etat des Bundeskriminalamtes (BKA) wird versechsfacht.
  • Die Länder-Polizei und der Bundesgrenzschutz, der mehr und mehr die Befugnisse einer Bundespolizei erhält, bilden schwerbewaffnete Mobile Einsatzkommandos (MEK).
  • Ausrüstung und Bewaffnung der Polizei allgemein wird bürgerkriegsmässiger, ihre Methoden werden rüder:
    Rasterfahndungen mit Hunderten von Festnahmen, Strassenkontrollen mit vorgehaltener Maschinenpistole oder Hausdurchsuchungen ohne richterliche Anordnung mit eingetretenen Türen und zerschlagener Wohnungseinrichtung überraschen bald niemanden mehr.
    Die wenigen Proteste gegen solche Polizeistaatsmethoden, zum Beispiel Heinrich Bölls Buch 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum', finden in diesem aufgeladenen Klima nur wenig Resonanz.
  • Haftbedingungen werden verschärft; Isolationshaft, die die Häftlinge als seelische Folter empfinden, wird monatelang ausgedehnt; die Rechte ihrer Verteidiger werden mehr und mehr beschnitten.

Das ist, alles in allem, längst nicht mehr unsere 68-er Revolution, und wer das nicht klar trennt, ist entweder dumm oder will andere verdummen, indem er "drei historische Teilabschnitte der Protestbewegung vermengt, die in Wahrheit nur wenig gemeinsam haben:

Da sind, erstens, die späten Sechziger, in denen die Revolte die Modefarbe Rot bevorzugte – rot wie die Fahnen, die Studenten zum 'Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh'-Stakkato schwenkten; rot wie der Plastikeinband der als Zeitgeist-Accessoire massenhaft verbreiteten 'Mao-Bibel'; rot wie das allgegenwärtige Plakat mit Marx-Engel-Lenin und dem Bundesbahnslogan 'Alle reden vom Wetter – wir nicht'.

Da sind, zweitens, die Siebziger, in denen ... der Protest zunehmend Schwarz trug – schwarz wie die Fahnen der Anarchos und die 'Hasskappen' der vermummten Stahlkugelschleuderer an den Bauzäunen von Atomprojekten; schwarz wie die legendären 'Baader-Meinhof-Wagen', jene BMW, mit denen die deutschen Todesschwadronen von Tatort zu Tatort kariolten; schwarz wie die Trauerkleidung beim Begräbnis von Toten aus der Terrorszene, an deren Gräbern die Kombattanten schworen: 'Der Kampf geht weiter.'

Und da sind schliesslich, drittens, die Achtziger, in denen Grün zur Farbe der Wahl wurde – grün wie der damals spriessende deutsche Ableger von Greenpeace; grün wie die aufblühende Ökobewegung, die gegen Wasserverschmutzung und Luftverpestung antrat; grün wie die 1980 auf Bundesebene gegründete, bis dahin nur regional vertretene 'Anti-Parteien-Partei' der Ex-Sozialdemokratin Petra Kelly."*



ALLE DIE JETZT AUFGESTANDEN SIND
SOLLEN SICH WIDERSETZEN



Die 68-er Revolutionäre haben sich inzwischen wieder auf Familie und Beruf besonnen, werden "Richter, Werber, Professoren, Journalisten, Rechtsanwälte. Einige sind Sozialarbeiter in schwierigen Stadtteilen oder arbeiten als Betriebsräte – damals zur revolutionären Berufspraxis aufgebrochen, dann steckengebieben im reformistischen Alltag. Sie sind Leute, die sich ums Gemeinwohl kümmern, immer noch, und immer noch halten sie gern Distanz zum 'System'."*

Sie treten 'den langen Marsch durch die Institutionen' an, der sie eines Tages an die Schaltstellen der Macht führen wird: 1999 wird der Bundeskanzler ein JuSo-Vorsitzender aus marxistischen Stamokap-Zeiten sein, der in Gorleben gegen die Atomindustrie demonstrierte*, der Aussenminister ein ehemaliger Hausbesetzer, der sich gegen prügelnde Polizisten zu wehren wusste*, und der Umweltminister ein früherer Maoist*; die Entwicklungshilfeministerin ist nach eigenen Worten "unter dem Wasserwerfer aufgewachsen"*, und der Innenminister war einst "liberaler Kommunist"* und ein Anwalt, der die Rechte der APO verteidigte.

Viele wollen Lehrer werden, den anti-autoritären, demokratischen neuen Menschen erziehen. Der Ansturm versetzt konservative Bildungspolitiker in Panik, und mit dem 'Radikalen-Erlass' können sie so manchen ausgrenzen. Viele schaffen's trotzdem. Der Geist der Erneuerung und Demokratisierung ist ohnehin nicht mehr aus der Schule zu verbannen, und der unkonventionelle, sozial engagierte Lehrer, der mit Bart, Lederjacke und Jeans immer noch so in den Unterricht geht, als ginge er zur Demonstration, wird bald zum Inbegriff des Alt-68ers.

Rebellen bleiben die meisten, denn sie haben erlebt, wie Selbstbefreiung und Befreiung der Gesellschaft Hand in Hand gehen, einander befördern und letztlich einander bedingen: Der einzelne kann sich nur befreien, indem er alle befreit. Darum ist und bleibt der einzelne verantwortlich für die Gesellschaft, in der er lebt, und wenn diese Gesellschaft einen antidemokratischen Kurs einschlägt, muss er sich gegen den Strom stemmen, um sich seine persönliche Freiheit, seine Selbstbestimmung zu bewahren. "Die Ansprüche an das Leben, gewachsen in den Jahren, als Geschichte wie das Produkt der eigenen Selbstverwirklichung schien, sind die wenigsten wieder losgeworden."*

Und was ist aus der Revolution geworden, aus den grossen Zielen der 68-er Bewegung? – Abwarten! Wer Sieg oder Scheitern der 68-er daran messen will, was damals in diesen zwei, drei Jahren wirklich erreicht wurde, kann sicher eine Menge an grossartigen Erfolgen wie auch eine Reihe von Niederlagen aufzählen, aber er greift in jedem Fall zu kurz:

Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte, und wer nur auf die Lokomotive schaut, auf die Riesenkraft der Bewegung und auf die Menschen, die sie vorantreiben und immer nur nach vorn blicken, bis in utopische Fernen, und die von Zielen sprechen, die sie vielleicht nie erreichen werden – der ist am Ende möglicherweise enttäuscht. Denn keine Revolution hat je alle ihre Ziele erreicht.

Aber wer genauer hinschaut, nachdem die Lokomotive erstmal mit Rauch und Getöse vorbeigerauscht ist, der erkennt den langen Zug der Ereignisse, den sie nach sich zieht ... Und der 68-er Zug rollt und rollt und bringt bis heute Erfolge, von denen wir selbst in den stürmischen sechziger Jahren nicht mal träumten:

  • 1968 wurde Homosexualität von der offiziellen Diffamierung als 'widernatürliche Unzucht' und von gesetzlicher Strafverfolgung befreit.
    – 2001 öffnet das 'Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Gemeinschaften und Lebenspartnerschaften' allen Homosexuellen den Weg zum Standesamt.
  • Um 1968 wurde der frontal ausgerichtete Unterricht durch neue Arbeitsformen abgelöst, die in der Folgezeit immer wieder verändert und verbessert wurden
    – bis der Schüler des Jahres 2000 schon in der Grundschule im 'offenen Unterricht' seine Arbeitsorganisation weitgehend selbst bestimmt.
  • Bald nach 1968 wurde die Prügelstrafe in der Schule abgeschafft.
    – 2001 wird das Prügeln auch innerhalb der Familie verboten.
  • 1968 mussten wir selbst 'Kinderläden' organisieren, um einen Kindergarten für unsere Kinder zu schaffen.
    – Heute hat jedes Kind einen gesetzlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz.
  • 1969 wurde der Einzug der NPD in den Bundestag verhindert.
    – 2001 berät das Bundesverfassungsgericht darüber, diese Partei ganz zu verbieten.
  • 1972 waren dreihunderttausend Wohnungen illegal an Nicht-verheiratete vergeben.
    – 1998 sind es über drei Millionen nicht-verheiratete Lebensgemeinschaften, die in unserem Land ganz legal zusammenwohnen.
  • 1974 fiel das generelle Abtreibungsverbot, 1977 die patriarchaliche Familienordnung.
    – 1982 wird ein Erziehungsurlaub für Mütter oder Väter eingeführt, der 1997 auf drei Jahre erweitert wird;
    seit 1994 haben Frauen das Recht, ihren Namen bei der Heirat zu behalten; die diskriminierende Anrede 'Fräulein' wird gestrichen;
    1995 bekommt mit der Fristenlösung des Paragraf 218 die Frau die Entscheidung über die Abtreibung;
    1997 wird die Vergewaltigung in der Ehe strafbar;
    2001 werden Gleichstellungsgesetze beraten, die die Chancengleichheit der Frau im Berufsleben regeln.
  • Die Notstandsgesetze haben wir 1968 nicht verhindern können.
    – Aber wir haben eine allgemeine, umfassende Demokratisierung in Gang gesetzt, die heute schon die Verwaltungen und Behörden und selbst die Bundeswehr durchdringt. Der Wille zur Selbstbehauptung durch demokratische Mitbestimmung ist in unserem Lande längst so weit entwickelt, dass jeder Versuch, mit Hilfe der Notstandsgesetze eine Diktatur zu errichten, auf breiten, erbitterten Widerstand in der Bevölkerung stossen wird.

"In der deutschen Nachkriegsgeschichte spielt 1968 jetzt die Rolle eines Ursprungsmythos"*: "Es war im Grunde ein zweites Gründungsdatum der Republik"*, an dem die 1949 verordnete 'Staatsform Demokratie' endlich auch ihr 'demokratisches Staatsvolk' erhielt: Der Begriff 'Demokratie', bisher nur als Wahlform verstanden, wurde nun Lebensform und bekam den ganz neuen Sinn einer ständigen Mitwirkung, Information und Kontrolle über das politische Geschehen. "Ein ganz grosses Verdienst der Achtundsechziger-Bewegung liegt darin, dass sie wesentlich dazu beigetragen hat, aus diesem doch sehr autoritären Deutschland eine relativ normale westliche Demokratie zu machen."*

Dies bestreitet heute eigentlich nur noch, wer anstelle der heutigen demokratischen Freiheits- und Gleichheitsrechte lieber wieder, wie in der Adenauer-Zeit, einen autoritären, auf Befehl und Gehorsam gegründeten Staat hätte – und, natürlich, wer in jenen wilden Jahren selbst zu brav war, sich der aufmüpfigen Jugendbewegung anzuschliessen, und heute das ungute Gefühl nicht los wird, die bewegendsten und bewegtesten Jahre dieser Republik nicht mitgelebt zu haben: "Hass auf 68 ist ein weit verbreitetes Hobby unter denen, die damals jung waren und ihre Verachtung an dem Leben abarbeiten, das sie nicht geführt haben."*

So wird 68 immer wieder kontrovers eingeschätzt werden, solange die Generation der 68-er lebt. "Ausser Hitler (und der Nazi-Herrschaft) ist kein Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte derart ausgiebig, leidenschaftlich und ergebnislos diskutiert worden wie jene letzte 'Revolution'"*, und "ob es sich zum 10., 20., 25. oder 30. Mal jährt, jedesmal wird intensiv des Ereignisses gedacht"*.

Die Gedenktage wird man eines Tages vergessen, die 68-er auch, denn längst haben jüngere Generationen die Bildungsreform, die Demokratisierung der Gesellschaft, die Gleichberechtigung der Frau, den Kampf gegen Faschismus und Krieg und dazu neue Probleme wie die Integration von Einwanderern, den Ausstieg aus der Atomenergie oder die Bekämpfung rechter Gewalt in ihre Hände genommen und treiben sie auf ihre Weise voran.

Uns 68-ern bleibt "der klammheimliche Stolz", "diese Jahre voller heimlicher Macht erlebt zu haben, in denen man gleichzeitig narzisstisch und solidarisch sein konnte"*, weil individuelle Befreiung nur im kollektiven Freiheitskampf zu haben war – damals.

Heute versteht das niemand mehr. "Jene letzte 'Revolution', die heute so weit entfernt scheint wie der Mond"* – das sind "halb versunkene Zeiten, die auf viele Deutsche inzwischen fremder wirken als das Mittelalter"*.

Und dass alle Phantasie der Heutigen nicht ausreicht, sich diese spiessige, engstirnige, obrigkeitsgläubige, autoritäre, prüde, verlogene Duckmäuser-Gesellschaft vorzustellen, die noch vor gut drei Jahrzehnten dieses Land bewohnte – ist das nicht der schlagendste Beweis für den Sieg der 68-er Revolution?

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© Kai Kracht 2001
Englische Übersetzung: The Revolution of 1968

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